Ratingen: Pünktlichkeit im Nahverkehr ist Glückssache

Ratingen: Pünktlichkeit im Nahverkehr ist Glückssache

Ausfälle und Verpätungen sind bei der S6 derzeit an der Tagesordnung. Die Politik ist ratlos.

Ratingen. Wer angesichts des Wintereinbruchs am Freitag auf die Idee gekommen ist, vom Auto auf die Bahn umzusteigen, sollte sich das lieber zweimal überlegen. Jedenfalls dann, wenn die S-Bahn-Linie 6 die Alternative sein soll. Auf die ist nämlich immer weniger Verlass. Verspätungen sind eher die Regel als die Ausnahme, klagen entnervte Bahnfahrer. Manche Züge fallen gleich ganz aus.

Das Höseler Ratsmitglied Hans Kraft (SPD) bekommt viele dieser Klagen mit. "Pünktlich gibt es praktisch gar nicht mehr. Die Leute haben schon resigniert." Eine Mutter habe ihre Tochter binnen weniger Wochen zehn Mal am Bahnhof einsammeln und mit dem Auto nach Düsseldorf bringen müssen, weil sich die S6 nicht blicken ließ, erzählt er.

Und wer dann blindlinks in den erstbesten Zug einsteigt, kann immer noch eine böse Überraschung erleben: "Ich habe gerade noch in letzter Sekunde gehört, dass mein Zug keinen Zwischenstopp macht und durchfährt", berichtet Kraft, der sich selbst regelmäßig auf das Abenteuer S6 einlässt.

Inzwischen hat sich Kraft an den Bürgermeister gewandt, doch der macht wenig Hoffnung auf Besserung: "Die Ursache liegt nicht beim VRR, sondern in dem überalterten, störanfälligen Wagenmaterial der DB Regio", teilt Harald Birkenkamp mit. Das bestätigt auch der Fahrgastverband "Pro Bahn": "Eigentlich sind dringend neue Triebwagen notwendig, doch die kommen erst 2010", erklärt "Pro Bahn"-Sprecher Lothar Ebbers.

Doch selbst das ist nicht sicher. Bei der groß angelegten Verjüngungskur der DB Regio sollen zwar 83 moderne Triebwagen des Typs ET 422 angeschafft werden - doch die Linie S6 hat für die Bahn die niedrigste Priorität. Selbst 2010 dürften noch nicht alle Züge ausgetauscht sein, sondern auf den Gleisen durch Ratingen lediglich einige alte Exemplare zusätzlich unterwegs sein.

Doch die sind für die Strecke schlecht geeignet, weiß Lothar Ebbers: "Die S6 führt durch viel Waldgebiet, dass es im Herbst durch das Laub problematisch wird, ist eigentlich ganz normal."

Dass die Züge langsamer fahren müssen, ist nur ein Teil des Problems, die hohe Verkehrsdichte an den Knotenpunkten Köln und Düsseldorf ein anderes. Schon fünf Minuten Verspätung bringen den ganzen Betrieb durcheinander. Aufzuholen ist mit den schwach motorisierten Loks unmöglich.

Nicht zuletzt kann Personalmangel eine Ursache sein. "Ich vermute, dass es in vielen Fällen daran liegt - und nicht an der Technik", sagt Ebbers. Besonders die S6 brauche wegen ihrer anspruchsvollen Strecke geübte Fahrer. "Dafür können sie nicht mal eben jemanden aus Münster abstellen."

Manche Sorgen ließen sich schon mit der längst geplanten Neuordnung des S-Bahn-Netzes lindern. Dann müssten sich nicht mehr vier S-Bahnen auf 20 Minuten drängeln, sondern nur noch drei. Doch die DB Regio liegt mit dem VRR im Rechtsstreit - und so lange der offen ist, wird sich an der Lage nichts ändern.

Dieser Umstand ärgert Harald Birkenkamp besonders: "Nach meiner Auffassung darf der Rechtsstreit nicht auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen werden", sagt er und verspricht, sich bei Bahn und VRR für Verbesserungen einzusetzen.