Ratingen: Ein Jahr in China - Heimatgefühle in Fernost

Ratingen: Ein Jahr in China - Heimatgefühle in Fernost

Das Heimweh ist verschwunden, und das Chinesischlernen fällt Carina immer leichter. Da macht der 15-jährigen Ratingerin das Leben in Peking noch mehr Spaß.

Ratingen/Peking. Ich habe jetzt fast ein Sechstel des "besten Jahres meines Lebens" hinter mir. Am liebsten würde ich die Zeit stoppen. In meinem Kalender hake ich jeden Abend einen Tag ab und bin erschrocken, wenn ich sehe, wie viele Tage mir noch in China bleiben. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich vor mehr als einem Monat das Gefühl hatte, ich würde umkommen vor Heimweh.

Mit der Zeit hat sich einfach alles eingependelt. Ich bin kein Gast mehr in meiner chinesischen Familie, ich gehöre irgendwie dazu. Ich habe meine Familie wirklich lieb gewonnen. Sie geben mir jeden Tag das Gefühl, dass sie mich gerne in ihrem Haus haben und sind jedes Mal besorgt, wenn ich ohne sie etwas unternehme.

Letztes Wochenende bin ich alleine nach Peking gefahren und wollte mich dort mit ein paar Freunden treffen. Ich war gerade zehn Minuten in der Innenstadt, als sie mich anriefen und fragten, ob ich meine Freunde gefunden hätte und ob es mir gut ginge. Sie nehmen Anteil an meinem Leben, fragen mich, was ich gemacht habe, was in der Schule passiert ist und was es Neues gibt.

Ich komme jeden Tag gerne nach Hause und freue mich immer besonders über die Mahlzeiten, bei denen es immer rege Diskussionen gibt, von denen ich meistens zwar kein Wort verstehe, die aber lustig zu beobachten sind. Ich helfe Ba und Ma gerne beim Kochen und kann es gar nicht erwarten, die ganzen leckeren Dinge in Deutschland nachzukochen. Auch das Essen mit den Stäbchen klappt immer besser, ich kann jetzt sogar Suppe mit Stäbchen essen.

Die Schule in China macht echt Spaß, ich habe zwar wesentlich weniger Freizeit als zu Hause und lerne sehr viel. Aber es ist toll, wenn ich nachmittags nach Hause komme und auf dem Heimweg ein Zeichen auf einem Schild lesen kann oder mich ein bisschen besser mit meiner Familie unterhalten kann, weil ich ein neues Wort gelernt habe.

Mit der Zeit fällt alles viel leichter, weil ich mich an die Struktur der Sprache gewöhnt habe. Um die ersten zehn Zeichen zu lernen, brauchte ich mehr als eine Stunde. Immer habe ich einen Strich vergessen oder nicht durchgezogen.

Auch das Lernen der Vokabeln ist leichter. Als ich in die Schule kam, konnte ich mir keinen der Namen meiner Mitschüler merken und auch andere Namen waren nicht leicht zu merken, was mir sehr unangenehm war.

Manchmal denke ich noch an zu Hause. Und auch wenn ich mir überlege, dass dort alles einfacher wäre, würde ich um nichts in der Welt auch nur einen Tag früher zurückkehren wollen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung