Ratingen: Ein Abenteuer nach Plan

So lebendig die Aufführung von „Wickie“ auf der Naturbühne wirkt, so minutiös ist alles organisiert. Die WZ hat einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Ratingen. Mit jeder Aufführung beweist "Wickie" jenen Bühnencharme, mit dem man ein junges Publikum erobert. Spielerisch und leicht greift eine Szene in die andere, folgen große Episoden kleinen Details.

Was für die Zuschauer gut ausschaut, ist nicht nur den darstellerischen Leistungen des Ensembles zu verdanken. Damit es an der Rampe, in diesem Fall dem Saum der Naturbühne des Blauen Sees, reibungslos läuft, muss hinter den Kulissen alles perfekt aufeinander abgestimmt sein.

Zehn Minuten vor Aufführungsbeginn hocken die Darsteller in gemütlicher Camper-Manier beieinander, Stimmübungen werden absolviert - bei manchen auch am Telefon. "Wir müssen die Kampfszene noch mal abstimmen", bittet Jan-Philip Hilger Kollegin Kristina Günther-Vieweg.

Damit sich die beiden später als "Kante" und "Snorre" ein spektakuläres Duell liefern können, muss in der Feinabstimmung die Choreographie dieses Kampfes punktgenau sein. Also wird noch mal abgesprochen, wann wer sein Holzschwert schwingt, wie ausgewichen wird und wann der finale Stoß erfolgt.

"Kannst Du noch mal das Mikro richten?", sagt einer. "Hier klemmt etwas am Reißverschluss", stellt ein anderer fest. Der Schiffsmast muss neu aufgestellt werden und während das Spiel mit der eigentlich friedvollen Morgenstimmung im Wikingerdorf beginnt, springen Tom Kilian als Oberwickinger Halvar und seine Mannen in ihr Boot.

Langsam rudern sie, für die Zuschauer noch unsichtbar, in Richtung Heimat. Nicht nur bei den Darstellerinnen, die die zu Hause gebliebenen Frauen spielen, sondern auch beim Publikum ist der Jubel groß, als das Wickingerboot ins Blickfeld gleitet.

Wie am Schnürchen läuft die Vorstellung, hier rennt und tobt Wickie (Liv Heigl), dort textet Ilva (Christina Ageil) ihren Halvar zu, planmäßig folgt eine Passage der anderen. Das Team ist bestens aufeinander abgestimmt, jeder Handgriff sitzt.

"Uns kann nichts aufhalten - außer Gewitter", lacht Tanja Bockelkamp, die heute die Tagesleitung hat. Gerade erst lief die 27. Vorstellung, "gestern haben wir das Bergfest gefeiert", sagt Bockelkamp. So nennen es die Theaterleute, wenn die Hälfte der Vorstellungen absolviert ist.

"Bislang ist nichts Spektakuläres schief gegangen." Wenn später der schreckliche Sven (Robert Heinle) mit den Wikingern seine Seeschlacht austrägt, gehen zur lauthals herausgeprusteten Freude der kleinen Beobachter ein paar Mann mit lautem Geplumpse über Bord. Was spontan aussieht, ist selbstverständlich in den Proben abgesprochen.

Eine Großleistung anderer Art muss später Jan-Philip Hilger bewerkstelligen. Der gebürtige Düsseldorfer spielt eine Doppelrolle. Zunächst liefert er sich mit Wickie tapsige Auseinandersetzungen als Bär, dann muss er sich wieselflink in den schlagkräftigen "Kante" verwandeln.

In Sekunden hat er das Bärenfell abgestreift, einmal tief Luft geholt und die Accessoires übergezogen, die ihn zur unverwechselbaren "Kante" machen. Übrigens war dieser Akt noch spektakulärer, als die sommerlichen Temperaturen das Bärenkostüm in eine glitischige, vom Schweiß getränkte Herausforderung verwandelt hatten.

Präzise wie ein Uhrwerk geht die Vorstellung dem Ende entgegen. Ein letztes Mal wird "Hey Wickie" geschmettert, ein allerletztes Mal winken Wickie & Co. ihrem Publikum zu. Und während die Reihen sich allmählich lichten, werden hinter den Kulissen Requisiten sortiert.

Denn nach der Aufführung ist vor der Aufführung. Alles muss an seinen angestammten Platz gebracht werden - damit auch beim nächsten Abenteuer alles klappt.

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