Neviges : Ein 3D-Modell zum Kirchen-Jubiläum

Gebetsnacht mit Lobpreis, Aufführungen, ein Bibellesemarathon – die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde wollte 800 Jahre Kirche in Neviges groß feiern. Pandemiebedingt musste das Begehen des Jubiläums aber storniert werden.

Unverdrossen hat jedoch Gemeindemitglied Gregor Kremkus die Geschichte der acht Jahrhunderte aufgearbeitet. Ende September liegt seine Mappe, die bereits auf der Internetseite der Gemeinde einsehbar ist, auch als gedrucktes Werk vor. Zudem lässt der Nevigeser gerade 3-D-Modelle der Stadtkirche anfertigen, denn mit seinem beruflichen Hintergrund als Maschinenbautechniker bei einem Automobil-Zulieferer hatte den 62-Jährigen ursprünglich vor allem die technische Seite des Gotteshauses interessiert.

Chorraum der Stadtkirche
datiert aus dem Jahr 1396

„Aus den Entstehungsphasen der Kirche gab es allerdings keinerlei Baupläne“, so Kremkus im Gespräch mit der WZ: Ältester Abschnitt ist der 1396 erbaute Chorraum, der Kirchturm wurde 1697 durch einen neuen ersetzt, und von 1740 bis 1746 wich das mittelalterliche Langhaus einem Neubau mit gotischen Formen. Im Rahmen der 2014/15 vorgenommenen Renovierung war das Gotteshaus aber vollständig vermessen, fotografiert und in 3D-Scans erfasst worden. Auf dieser Basis und mit etlichen eigenen Fotografien hat Kremkus, nachdem er mit einem speziellen Computerprogramm fehlende Bemaßung hinzufügen konnte, die Zeichnungen erstellt, die die Grundlage für die Konstruktion der 3D-Modelle bilden. Die unifarben mit einem 3D-Drucker gefertigte Kirchenmodelle sollen Kinder zum Beispiel farblich gestalten.

Durch das Projekt hatte der Nevigeser Kontakt zum Arbeitskreis „800 Jahre Kirche in Neviges“ aufgenommen und begonnen, sich intensiver mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Erste Erwähnung findet die Ortschaft im Jahre 1220 als Bestandteil der unabhängigen Herrschaft Hardenberg. Demnach machte die Witwe Dietrich von Hardenberg mit Sohn Hermann II. einer Bruderschaft eine fromme Stiftung. In der „Kapelle zu Neeveghis“ sollten zwölf Priester aus zwölf Kirchen Messen zum Gedächtnis ihrer Familie halten: „Diese Bruderschaft von Geistlichen entwickelte sich später zu einer Wirtschaftsgemeinschaft von Pfarrern und Gemeinden, die über die Spaltung in einen katholischen und einen evangelischen Zweig hinaus Bestand hatte“, so Kremkus.

Breiten Raum nimmt in seiner Ausarbeitung die Rolle der Elementar- oder Bauernschaftsschulen in Neviges und Umgebung ein, die nach Martin Luthers Aufruf „Ein jeder Mensch solle die Bibel selbst lesen können“ entstanden. „Lesen und schreiben hatte für die örtlichen Bauern noch aus anderem Grund eine wichtige Bedeutung“, erläutert der Hobbyhistoriker: „Die Herrschaft hatte eine eigene Gerichtsbarkeit, bei der die Bauern als Schöffen fungierten.“ Die ersten Hinweise auf eine Kirchspielschule in Neviges datieren demnach aus dem Jahr 1572. Der Küster war oft gleichzeitig Schuldiener (Lehrer) und Organist.

1571 hielt die Reformation
Einzug in Neviges

Ein Jahr zuvor hielt mit dem evangelischen Pastor Waldmann die Reformation Einzug in Neviges – offizielle Geburtsstunde der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde. Parallel existierte zeitweilig eine evangelisch-lutherische Gemeinde mit Kirche und Schule. Ein eigenes Kapitel widmet Kremkus außerdem den jüdischen Mitbewohnern, beginnend mit drei jüdischen Familien im Jahre 1694.

Was Kremkus außerordentlich bedauert: „Es gibt von der Stadtkirche kaum ältere Bilder.“ Neben Zeichnungen, Graphiken und einigen wenigen historischen Aufnahmen enthält seine Dokumentation aber zahlreiche aktuelle Fotos der Kirche. Presbyter Jörg Sindt, Vorsitzender des historischen Arbeitskreises, freut besonders, dass die Mappen örtlichen Schulen, insbesondere den Grundschulen zur Verfügung gestellt werden sollen: „So kann den Kindern wieder verstärkt Heimatgeschichte nähergebracht werden.“ Das Thema komme heute viel zu kurz, so Sindt. Derweil blicke die Gemeinde mit Optimismus auf 2021: „Das Presbyterium hat beschlossen, das 450-jährige Bestehen der Nevigeser Gemeinde mit einem ähnlichen Programm zu feiern, wie es anlässlich der 800-jährigen Kirchengeschichte in Neviges geplant war.“