Velbert : Modernisierungsschub durch Demontage

Henri Schmidt legt Ergebnisse seiner geschichtlichen Recherche als Buch vor.

Panzerketten, Lafetten für Maschinengewehre, Munition, Teile für Fernwaffen – auch im Velberter Raum wurden während des Zweiten Weltkriegs Waffen und Zubehör produziert. Als die Alliierten nach dem Zusammenbruch in großem Stil Industrieanlagen demontierten, blieben niederbergische Betriebe nicht verschont. Henri Schmidt hat sich über zwei Jahre intensiv mit dem Thema befasst und die Ergebnisse seiner Recherchen in „Demontagen in Velbert“ zusammengetragen. Das Buch des 80-jährigen Velberters, der 20 Jahre die Polizeistation der Schloßstadt leitete und nach der Pensionierung 1998 in Wuppertal Geschichte und Politikwissenschaft studierte, beleuchtet Kriegsende und Neubeginn in Velbert in der Zeit von 1945 bis 1950 und betrachtet die Demontagen im sozialen Spannungsfeld der Nachkriegszeit.

„Während es nach dem ersten Weltkrieg sieben Monate bis zum Versailler Vertrag dauerte, hatten die Alliierten bei Ende des Zweiten Weltkrieges bereits fünf Mal konferiert und festgelegt, wie man mit Deutschland verfahren wollte“, erläutert Schmidt. Allerdings begannen die Demontagen in den Besatzungszonen bereits unmittelbar nach Kriegsende und unter Umgehung der von den Alliierten eingesetzten Institutionen. Auch in Velbert kam es schon im Mai 1945 – damals noch unter amerikanischer Besatzung – zu ersten Requirierungen. In Umsetzung des Potsdamer Abkommens, die deutsche Wirtschaft fundamental zu schwächen und die Industrieproduktion unter das Vorkriegsniveau zu drücken, sollte 1947 ein Industriebegrenzungsplan umgesetzt, 1800 Betriebe, darunter 14 in Velbert, demontiert werden. Die britischen Besatzungsbehörden reduzierten diese Zahl schließlich auf drei Betriebe in Velbert und einen in Neviges: Als Rüstungsbetrieb wurde bei den Bergisch-Märkischen Eisenwerken (BME) das Werk III am Hixholzer Weg komplett vom Schleifstein bis zur Diesellok abgebaut, die Maschinen an 13 Staaten von den Niederlanden über Pakistan bis Neuseeland verteilt. Das gleiche Schicksal ereilte das Stahlwerk von August Engels. In Tönisheide war die Stahl- und Tempergießerei Joachim Baumgart als Hersteller von Gleisketten betroffen. Die Firma musste einen Lichtbogen-Schmelzofen im Wert von 90 000 Reichsmark abgeben, der nach Jugoslawien verfrachtet wurde.

Ein besonderes Schicksal traf Hülsbeck & Fürst (Huf): Bereits am 30. November 1945 hatte die Firma die begehrte Fertigungserlaubnis der Besatzer erhalten, sollte aber nun, weil als überflüssig eingestuft, demontiert werden. Zähe Verhandlungen zögerten die Demontage bis Ende 1948 hinaus, und als diese 1950 endete, hatte das Unternehmen bereits neue, viel modernere Maschinen gekauft: „So hatte die Demontage sogar etwas Gutes: Huf produzierte danach mit einem neuen Maschinenpark“, resümiert Schmidt.

Mehr von Westdeutsche Zeitung