Wülfrath : Mitarbeiter am Rande des Machbaren

Petra Weihenbilder ist Leiterin für zwei Senioreneinrichtungen der Bergischen Diakonie – ihre Meinung: „So kann es nicht weitergehen!“

Immer wieder sind es die Senioreneinrichtungen, die in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Bewohner, aber auch Mitarbeiter infizieren sich immer wieder an dem Corona-Virus. Um dem entgegenzuwirken, wurden Maßnahmen ergriffen, die das Einrichtungspersonal jedoch an die Grenzen des Machbaren treiben. „Seit dem 23. November testen wir auf dem Gelände in Aprath. Zunächst haben wir für alle Einrichtungen der Bergischen Diakonie getestet, seit Weihnachten haben wir das dezentraler gelöst“, berichtet Renate Zanjani, die für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bergischen Diakonie zuständig ist. Mittlerweile können sich Besucher, aber auch Lieferanten oder andere Personen, die die Einrichtungen in Wülfrath betreten möchten, am Haus Otto Ohl in Aprath testen lassen. Rindenmulch dient als Wegweiser zu einem Fenster im Frontbereich der Immobilie, durch welches heraus getestet wird. Die Arbeit wird teilweise vom Sozialen Dienst der Einrichtung abgedeckt. Und genau an dieser Stelle fängt das System an zu kränkeln, denn das eingesetzte Personal fehlt händeringend an anderer Stelle. „Mich bedrückt, dass ich zu wenig Zeit für die Bewohner habe, die ansonsten keinen Besuch bekommen“, berichtet Simone Rottmann vom Sozialen Dienst, die ihren Arbeitsalltag seit Monaten gänzlich anders gestalten muss. „Ich verbringe die Zeit im Dienstzimmer, um die ankommenden Besucher einzulassen und zu den Zimmern zu bringen. Zeit für etwas anderes bleibt kaum.“ Die Besuchszeiten sind klar definiert. Täglich von 11 bis 13 Uhr und 16 bis 19 Uhr dürfen Angehörige in die Einrichtung. Eine begrenzte Aufenthaltsdauer gibt es wiederum nicht. Ein vorheriger Corona-Test muss negativ und nicht älter als 72 Stunden sein. Wenn diese Gegebenheiten passen, dann dürfen pro Tag und Besucher maximal vier Personen aus vier unterschiedlichen Haushalten zu Besuch kommen. Für Einrichtungsleiterin Petra Weihsenbilder ein „Ding der Unmöglichkeit“. „Denn während wir Zuhause die Kontakte minimieren und uns im öffentlichen Raum nur noch mit maximal einer haushaltsfremden Person treffen dürfen, gelten diese Regeln bei uns in den Einrichtungen nicht“, gibt sie wieder und wünscht sich stattdessen lieber eine feste Kontaktperson pro Bewohner.

Auch sonst läuft bei den Plänen der Politik nicht alles rund. Auf personelle Unterstützung wartet Petra Weihsenbilder bisher vergebens. „Eigentlich wurde uns mitgeteilt, dass Hilfsorganisationen die Testungen übernehmen. Das hat bei uns an genau einem Tag funktioniert. In anderen Städten scheint es aber wohl zu klappen.“ Und auch die angedachten Impfungen, die vielerorts bereits abgeschlossen sind, stehen in Wülfrath noch aus. Bürokratie ist dabei die größte Hürde, die von der Einrichtung gestemmt werden muss. „Die Anmeldungen für die Impfungen habe ich bereits im vergangenen Monat gestellt. Jetzt muss ich alles noch einmal in einem Onlineportal eintragen. Und das zu den Organisationsaufgaben, die aufgrund der Pandemie bereits schon da sind. Es bleibt vieles liegen, wofür wir keine Zeit mehr haben und das wird nach außen nicht kommuniziert“, ärgert sich Petra Weihsenbilder, die auch immer wieder auf verständnislose Angehörige trifft. „Erst kürzlich bat mich eine Dame darum, vor das Testfenster ein beheiztes Zelt aufzustellen. Da fehlen mir wirklich die Worte“, gibt sie wieder.

Rund zwei Drittel der Kontakte mit Außenstehenden laufen ähnlich verständnislos ab. Ein Grund für Petra Weihsenbilder und Renate Zanjani, den aktuellen Ist-Zustand noch weiter zu verdeutlichen. „Wir testen an drei Tagen in der Woche. Die Testungen sind kostenlos. Die Mitarbeiter dort arbeiten im Akkord, allein letzten Mittwoch waren über 100 Personen vor Ort, um sich testen zu lassen“, so die Einrichtungsleiterin. Währenddessen wird das interne Impfzentrum vorbereitet. Es müssen Räume gestellt und umstrukturiert werden. „Das sind alles Arbeiten, die wir vor Ort mit den Mitarbeitern leisten. Und das zu regulären Krankenständen und der Gefahr, dass sich noch weitere Mitarbeiter mit dem Virus infizieren oder in Angehörigen-Quarantäne müssen“, ergänzt Renate Zanjani, die sich wünschen würde, dass der Berufsstand zumindest nach der Krise eine Aufwertung erfährt. „Hoffentlich wird erkannt, dass generell Personalmangel herrscht. Es muss sich dringend was ändern. Zudem muss dem Berufsstand mehr Wertschätzung entgegengebracht werden“, sagt sie. „Denn wo sonst wird 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag durchweg gearbeitet. Wir können keine Bewohner entlassen oder verschieben. Wir sind für unsere Bewohner da. Immer.“