Familie findet in Neviges zusammen

Der Lerntreff der katholischen Pfarrgemeinde half Jamil Alhalbouni dabei, seine Ehefrau und die beiden Töchter aus Syrien nachzuholen.

Neviges/Langenberg. „Wahnsinn, zu welchen Emotionen es da kommt!“ Der Nevigeser Wilhelm Funken warf zutiefst gerührt, als er erlebte, wie Jamil Alhalbouni nach fast drei Jahren seine kleine Tochter Laian in dem Arm schloss. Nachdem der Bruder des Syrers durch die Getreuen des Diktators Baschar al-Assad umgebracht wurde, entschloss er sich, das Land zu verlassen. Seine Flucht endete in der Asylantenunterkunft im ehemaligen Nevigeser Krankenhaus.

Dort kam er mit dem Lerntreff der katholischen Pfarrgemeinde in Kontakt, der sich zur Aufgabe gemacht hatte, deutsche Kultur- und Sprache über die Sprachkurse hinaus zu fördern. Neben Wilhelm Funken kümmern sich Mechthild Fochtmann und Barbara Knapp weiter um Jamil Alhalbouni, der inzwischen als Asylant anerkannt ist und eine Weiterbildung macht. Sie halfen mit, dass die Familie wieder zusammenfand.

Ehefrau Ghazal hielt sich mit Laian (4) und der sechsjährigen Afas fast drei Monate im irakischen Erbil auf, bis sie vor zwei Wochen in der deutschen Botschaft das langersehnte Visum erhielt. In der vergangenen Woche wartete Jamil Alhalbouni mit seinen deutschen Freunden am Düsseldorfer Flughafen ungeduldig auf die Ankunft des Flugzeuges aus Bagdad, das zudem noch eine ordentliche Verspätung hatte. Die Wartezeit vertrieb er sich unter anderem damit, dass er als angehender Sprinkleranlagentechniker den Umstehenden die vorhandenen Löscheinrichtungen erklärte.

Nach der der ersten Wiedersehensfreude musste Ghazal Alhalbouni die Eindrücke der neuen Heimat verarbeiten. „Die Frauen haben hier einen ganz anderen Stellenwert“, staunte die gelernte Kosmetikerin, die ihren Beruf in Deutschland gerne wieder ausüben möchte, wenn sie die Sprache gelernt hat, die sie noch als sehr schwierig empfindet. Aber zunächst muss der Alltag organisiert werden. Die Wohnung in Langenberg ist zu klein, wenn eine passende gefunden wurde, muss die im Herbst schulpflichtige ältere Tochter in einer Grundschule angemeldet werden, die kleine in einer Kindertagesstätte.

Barbara Knapp vom Lerntreff der katholischen Pfarrgemeinde

Zahlreiche Behördengänge stehen an, für die sich der Ehemann freinimmt, um zu dolmetschen. Unterstützung gibt es durch die ehrenamtlichen Helfer aus Neviges. „Man glaubt nicht, was das für eine Bürokratie ist“, stöhnt Barbara Knapp. Die sechsjährige Tochter hatte am Anfang Heimweh nach der Großmutter, die mit ihren Apfel- und Kirschbäumen in einem Dorf bei Damaskus zurückgelassen wurde. „Wir bleiben einen Tag hier, dann fahren wir wieder zu Oma“, sagte sie auf der Fahrt vom Flughafen ins Niederbergische. „Das wird sich ganz schnell ändern, sobald sie mit anderen Kindern zusammen kommt und Freunde gefunden hat“, da ist sich die ehemalige Lehrerin Mechthild Fochtmann ganz sicher. „Sprache ist die Voraussetzung für eine gelungene Integration“, so die Überzeugung der Pädagogin, die sich berufen fühlt, sich um die Neuankömmlinge zu kümmern. „Integration ist nicht Geld vom Jobcenter, das geht nur, wenn man Deutsch spricht und arbeitet“, ergänzt Barbara Knapp. „Wir wollen nicht, dass wie in der Vergangenheit wieder Parallelgesellschaften in Deutschland entstehen.“ Und es gibt noch einen Grund für das Engagement: „Es macht richtig Spaß, wir kriegen viel Dankbarkeit zurück.“