Die Fabrik Herminghaus ist ein Stück Industriekultur

Die Fabrik Herminghaus ist ein Stück Industriekultur

Die alte Weberei an der Mettmanner Straße war Mitte des 19. Jahrhunderts der erste Wülfrather Industriebetrieb.

Wülfrath. Auch heute noch ragt die Fassade des Fabrikgebäudes an der Mettmanner Straße zwischen den anderen Gebäuden hervor. Die helle Vorderseite mit den verzierten Fenstern und kleinen Türmchen ist ein besonderes Stück Industriekultur. Doch nicht nur das Gebäude der Fabrik Herminghaus ist eindrücklich. Sein Bau markierte auch einen Umbruch in der Wirtschaftsgeschichte der Stadt.

Die Weberei war im 19. Jahrhundert eine beliebte Erwerbsmöglichkeit für die Wülfrather. Allerdings fand zu dieser Zeit die Arbeit noch zuhause am Webstuhl statt. Dr. Reiner Götzen schreibt im Wülfrather Stadtbuch, dass es bis 1858 etwa 411 Webstühle in Wülfrath gegeben hat. 40 davon fanden sich in den vier im Ort vertretenen Posamentierfabriken, der Rest stand in den eigenen Häusern, Neben- und Anbauten oder älteren Stallungen der Privatwohnungen. Bei der damaligen Einwohnerzahl konnte man rechnen, dass auf jeden zwölften Einwohner ein Webstuhl entfiel.

Mit der Einführung der Dampfmaschine veränderte sich dieses Gewerbe. Und in Wülfrath mit dem Zutun von Friedrich Wilhelm Herminghaus. Er importierte etwa 1858 die ersten beiden mechanischen Webstühle aus England und betrieb diese zuerst im Haus Hose, um dort Zanellastoffe zu weben. Diese Webstühle mussten noch mit Muskelkraft betrieben werden. 1861 gründete er dann seine eigene Firma Herminghaus & Co. und errichtete die Fabrik an der Mettmanner Straße.

Das Gebäude selbst war vollständig aus Backstein gebaut. Das Hauptgebäude hat drei Stockwerke und auf seiner Fassadenseite drei Fensterachsen mit Zierelementen wie Rundbogenfries und seitlichen Türmchen. Die Produktionshalle hat ein Sheddach, das von gusseisernen Säulen gestützt wird. Wichtig war Herminghaus hier, dass in der Fabrik — anders als in den bisherigen Heimwerkstätten — gute Lichtverhältnisse herrschten, um die Produktivität zu steigern. Nebenan ragte zudem ein Schornstein in die Höhe, der neben dem Kirchturm einen neuen Orientierungspunkt bildete, wie Götzen schreibt. Es ist ein eindrücklicher Bau, der seinerzeit deutlich hervorstach.

Drinnen wurden — so heißt es in einer Statistik des Landrates von der Goltz — etwa 40 Webstühle betrieben. Die Arbeiter fertigten Knopf- und Westenstoffe, die auch über die Stadtgrenzen hinaus beliebt waren. Mit dem Bau der Fabrik änderte sich das Arbeitsleben der Wülfrather drastisch.

Wurde vorher — zumindest beim Weberhandwerk — zuhause gearbeitet, ging es jetzt zum Dienst in die Fabrik. „Die Fabrikarbeit lockerte das Band der Familie“, zitiert Götzen in seinem Text im Stadtbuch einen Zeitzeugen. Dieser räumt auch ein, dass die Arbeitsverhältnisse zu dieser Zeit, in denen die Belastungen für lohnabhängige Arbeitnehmer besonders hoch waren, in der Fabrik Herminghaus nicht ganz so schlimm waren. Dennoch sei hier sechs Tage die Woche zwölf bis 16 Stunden am Tag gearbeitet worden, unterbrochen von zwei Frühstücks-, Mittags- und Kaffeepausen. An Heiligabend durften die Arbeiter eine Stunde — um 20 statt um 21 Uhr — früher den Dienst quittieren. Sicheres Einkommen, ein etwas höherer Lohn und eine betriebseigene Kranken- und Rentenkasse zeigten einen kleinen sozialen Fortschritt. Eine ganze Weile hielten der Aufschwung und die Beliebtheit der Stoffe, die in Wülfrath produziert wurden, an. Dennoch kamen mehr und mehr Fabriken in der Umgebung hinzu, Modeschwankungen und Zölle sorgten für einen Rückgang der Nachfrage.

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg arbeiteten meist 350 bis 390 Menschen bei Herminghaus in Wülfrath. Im Jahr 1937 wurde die Fabrik an der Mettmanner Straße dann aber stillgelegt. Heute ist im alten Fabrikgebäude ein Möbel- und Einrichtungsgeschäft untergebracht.

Mehr von Westdeutsche Zeitung