Böhms Pilgerzelt ist begreifbar

„Modern“ fühlt sich für Tamara Ströter der Dom an. Das Tastmodell ermöglicht der blinden Frau, sich ein Bild von der Wallfahrtskirche zu machen.

Neviges. Die Wallfahrtskirche in Neviges ist wahrlich kein Gotteshaus wie andere. Der ungewöhnliche Entwurf von Architekt Professor Gottfried Böhm erschließt sich erst bei genauer Betrachtung. Um wie viel schwieriger ist es für jemanden, der nicht sehen kann, sich ein Bild vom Mariendom zu machen?

„Das kommt darauf an, wie gut der Mensch, der mich begleitet, das Objekt beschreiben kann“, sagt Tamara Ströter. „Besser ist aber ein Tastmodell, das es mir ermöglicht, die Form selbst wahrzunehmen und zu erfühlen“, so die zweite Vorsitzende des Blinden und Sehbehindertenvereins für den Kreis Mettmann.

Ein solches Modell der Wallfahrtskirche wurde jetzt zur Wallfahrtseröffnung auf dem Platz vor dem Dom von Weihbischof Wilfried Theising seiner Bestimmung übergeben.

Tamara Ströter lässt sich an das graue, auf einen Betonsockel montierte Aluminiummodell führen. Die 42-Jährige ist seit ihrer Kindheit sehbehindert. Vor acht Jahren erblindete sie vollständig. Licht kann die Velberterin noch wahrnehmen, Umrisse nicht mehr.

Ihre Finger gleiten zunächst über die Metallplatte an der Front des Modells, die eine für Nichteingeweihte wirre Anordnung von Punkten trägt — Informationen in Blindenschrift: „Mariendom zu Neviges“ liest Ströter vor, außerdem stehen das Baujahr 1968 und der Name des Architekten auf der Platte. Ihre Hände fahren über die Wände, das Dach, finden den höchsten Punkt des wie ein Kristall geformten Gotteshauses, das als „Pilgerzelt“ konzipiert ist: „Es ist sehr modern, nicht die klassische Form einer Kirche“, beschreibt sie.

Für die Velberterin ist es nicht die erste Begegnung mit dem Modell. Als Modellbaumeister Hans Bartoldus auf Anregung des Nevigeser Künstlers Reiner de Bruyckere im vergangenen Herbst die Kunststoffform für das spätere Aluminiumgussmodell gefertigt hatte, kam Tamara Ströter zum Probetasten: „Wir wollten schließlich vor dem Abguss wissen, ob das Modell geeignet ist, blinden Menschen den Dom näherzubringen“, sagt der Nevigeser. Wichtige Details wie Erker oder der kleine Glockenturm fehlten damals allerdings noch, weil sie erst nach dem Abguss angebracht werden konnten.

Modelle wie das des Domes finden sich eher selten, bedauert die Velberterin, die sich mehr davon wünscht. So gibt es zwar in Düsseldorf einen sogenannten taktilen Stadtplan der Altstadt und ein Modell des Landtages, in Essen die Zeche Zollverein.

Im Kreis Mettmann ist das Nevigeser Tastmodell aber wohl einzigartig: „Ich habe hier jedenfalls noch nichts anderes in die Finger bekommen“, meint Ströter lachend.

Dabei ist das Modell auch für Sehende eine Attraktion: „Wenn man vor der Kirche steht, sieht man ja nur einen kleinen Teil. Das Modell erlaubt es jedem Besucher, einen Eindruck von der Gestalt der Kirche zu bekommen“, sagt Weihbischof Theising.

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