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Bedeutung von Bildung wurde in den Bauernschaften in Neviges und Umgebung früh erkannt

Neviges : Unterricht mit Naturalien bezahlt

Anlässlich von 800 Jahren Kirche in Neviges hat sich Gregor Kremkus, Mitglied der evangelisch-reformierten Gemeinde, wie die WZ bereits berichtete,  umfänglich mit der Geschichte jener Jahrhunderte befasst.

Ein Aspekt, der in seiner Ausarbeitung breiten Raum einnimmt, ist die Bildung, die Kindern in den Elementar- oder Bauernschaftsschulen in Neviges und Umgebung zuteil wurde. Martin Luther hatte die Bibel ins Deutsche übersetzt: „Ein jeder Mensch solle die Bibel selbst lesen können“, war seine Maxime. Lesen, schreiben, rechnen zu können war aber auch aus anderem Grund wichtig: „Die Herrschaft hatte eine eigene Gerichtsbarkeit, bei der die Bauern als Schöffen fungierten“, so Kremkus – da waren diese Fähigkeiten unabdingbar.

So hat Johannes Bergmann, Honne (Vorsitzender der Honnschaft) und Schöffe beim Landgericht Hardenberg, von 1675 bis 1729 ein Bauernschaftsbuch der Bauernschaft Siebeneick geführt.
Erste Hinweise auf eine Kirchspielschule in Velbert mit dem ersten Lehrer Johannes Nevfiant stammen aus dem Jahr 1551. Eine Nevigeser Einrichtung findet erstmals 1572 Erwähnung: Belegt ist, dass 30 Schulkinder bei der Beerdigung von Agnes von Eyll, der Witwe von Ludwig von Bernsau gesungen haben, wie etwa Kurt Wesoly in der Ausgabe Neviges des Rheinischen Städteatlas aufführt. Die Schule soll sich auf dem Pastoratsberg befunden haben. Aus dem Jahr 1669 ist Peter Lüdger als Schuldiener und Küster bekannt: „Der Küster war oft gleichzeitig auch Organist und Schuldiener, also Lehrer“, erläutert Kremkus. Zwar ist Neviges seit 1571 ein Hort der Reformierten, seit etwa 1580 gab es jedoch für 30 oder 40 Jahre auch eine kleine Kirche und ein Pfarrhaus der Lutheraner, das wohl ebenfalls als Schule genutzt wurde: „Die Gebäude standen in etwa dort wo bis vor einigen Monaten das Nevigeser Krankenhaus war.“

Weitere Hinweise auf Bauernschulen finden sich zum Dönberg und auf einen Bauernhof in Nordrath. 1681 erhielt Johann Fingscheidt mit Billigung der Freifrau Maria von Hardenberg die Erlaubnis, auf seinem Hof die eigenen und die benachbarten Kinder in Oben- und Untensiebeneick durch einen Lehrer in Lesen und Schreiben unterrichten zu lassen. Nachdem es in der Bauerschaft Windrath zunächst eine Kleinschule auf dem Hof Kleinobs gab, wurde 1765 gegenüber der Windrather Kapelle ein Schulhaus gebaut, das erst 1965 geschlossen wurde. Auch auf katholischer Seite wurden mit Einzug der Franziskaner in Neviges Kinder unterrichtet, so Kremkus, anfangs in einem Privathaus.

Häufig fand der Unterricht nur in den Wintermonaten statt, denn den Rest des Jahres wurden die Kinder auf den Höfen gebraucht. Bis zu 85 Kinder in einem Raum seien keine Ausnahme gewesen. Nicht selten wurden die Lehrkräfte mit Naturalien bezahlt, etwa Lebensmittel oder Brennholz.

Was auch anders war: Während heute an den Grundschulen männliches Lehrpersonal meist eine Minderheit bildet, waren Frauen als Lehrerinnen vor 300 Jahren offensichtlich eher die Ausnahme. In Hetterscheidt erteilte Maria Katharina Kühlers 1731 den ersten Unterricht – „nur kurze Zeit“, berichtet Kremkus: „In der Vorstellung von Kirchenverantwortlichen waren Frauen im Schulbetrieb nicht vorgesehen.“

Während viele schulische Einrichtungen aus den vergangenen 500 Jahren belegt sind, finden sich in der Region praktisch keine Informationen zur Kleinkindererziehung, die zum Teil schon Ende des 18. Jahrhunderts einsetzte. Der Kindergarten der evangelischen Gemeinde wurde wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegründet: Eine alte Aufnahme zeigt neben dem 1905 errichteten Gemeindehaus den einstigen evangelischen Kindergarten, bevor vor gut 60 Jahren das neue Gebäude neben dem alten Pfarrhaus gebaut wurde. Die evangelische Gemeinde Tönisheide datiert die Gründung ihres Kindergartens auf 1926, während die katholische Kita in St. Antonius 1952 entstand.