Velbert : Als der Archivar nasse Füße bekam

Vor 20 Jahren verließ das „Gedächtnis der Stadt“ die ungeeigneten Räume im Herrenhaus von Schloss Hardenberg.

Wenn Christoph Schotten vor der Corona-Pandemie Schulkinder ins Untergeschoss des Velberter Stadtarchivs führte, waren die angesichts der fast klinisch reinen Räume enttäuscht: „Hier sind ja gar keine Spinnenweben und es riecht nicht modrig.“ Die Klischees, die Abenteuerfilme vermitteln, können in Velbert heute nicht bedient werden. Das war einmal ein bisschen anders, als das Stadtarchiv noch im Herrenhaus des Hardenberger Schlosses in Neviges untergebracht war.

Nach dem Zusammenschluss von Neviges, Langenberg und Velbert zu einer Stadt im Jahr 1975 wurden zwei Jahre später die Archivalien der der drei Städte in der untersten Etage des Schlosses zusammengetragen. „Man war überrascht, wie viele Akten da zusammenkamen. Schließlich waren es Orte mit einer langen und respektablen Geschichte“, weiß der studierte Politikwissenschaftler und Historiker Schotten, der ein Jahr später im Archiv tätig wurde. Zuvor hatte er eine Ausstellung über Velbert in der Nachkriegszeit zusammengetragen und in dem Archiv viele Unterlagen gesichtet.

Beeindruckt war und ist Christoph Schotten von dem Bestand an alten Zeitungen: „Eine wahre Fundgrube, es ist die größte und umfassendste Zeitungssammlung im gesamten Kreis Mettmann mit der ersten lokalen Zeitung der Region. Das war der ,Zeitungsbote’, der im Mai 1849 das erste Mal in Langenberg erschien. Aus den ersten Jahren ist leider nichts mehr erhalten, erst ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. Das war damals schon eine große Sache, man war stolz auf die eigene Zeitung, sonst gab es die nächsten Zeitungen in Elberfeld oder Düsseldorf.“ Selbstverständlich gehört der „General-Anzeiger“, der später zur „Westdeutschen Zeitung“ wurde, zu den Archivalien.

Wegen der beengten Verhältnisse im Schloss wurden die Folianten mit den gebundenen Zeitungsseiten aufrecht gestellt. „Das schadet den Seiten, die können brechen“, berichtet Schotten über die Erkenntnisse der Archivwissenschaft. „Sie müssen flach liegen, höchsten vier Bände auf einander.“ Bei starken Regenfällen wurde der Boden im Keller des Schlosses nass. Dieser Umstand und der fehlende Platz wurden zu einem immer dringlicheren Problem, dass die Velberter Verwaltungsspitze erkannte. Vor allem der damalige Beigeordnete und spätere Bürgermeister Stefan Freitag setzte sich für archivgerechte Räume ein, die 2001 in dem Rathaus-Neubau an der Thomasstraße bezogen wurden.

Das Interesse an Geschichte
ist deutlich gestiegen

Zentral in der Velberter Innenstadt wurde das Archiv zu einem beliebten Anlaufpunkt. „Manche kamen, nur um einmal zu schauen. Vor Corona kamen im Jahr 1200 Besucher. Das hört sich wenig an, aber die bleiben bis zu vier Stunden hier, um Unterlagen durchzusehen. Das Interesse an Geschichte ist gestiegen. Inzwischen reicht der Platz nicht mehr aus, in 20 Jahren ist recht viel hinzugekommen“, erklärt der Stadtarchivar.

Neben Nachlässen von Privatpersonen wurden viele Unterlagen von dem langjährigen Bürgermeister Heinz Schemken aufgenommen, vor allem Reden, die er zu bestimmten Anlässen gehalten hat. Da Velbert außer dem Fachmuseum für Schloss und Beschlag über kein historisches Museum verfügt, beherbergt die Sammlung viele Bilder, Schriften, Orden und Kappen vom Karneval: „Das Brauchtum gehört zur Stadt.“ Während man in den 70er Jahren auf die Verfilmung von Archivmaterial, besonders von großen Zeitungsseiten setzte, geht der Trend nun zur Digitalisierung. „Bis 1945 sind alle unsere Zeitungen im Internet zu finden, das war dank einer Landesförderung möglich. Alles zu digitalisieren wäre mit enormen Kosten verbunden. Ich denke, dass nur die wichtigsten Akten ins Netz gestellt werden können, selbst große Kommunen tun sich schwer damit“, weiß der Fachmann und blickt in die Zukunft, die mit digitalen Akten begonnen hat. „Im Einwohnermeldeamt und im Steueramt haben sie Einzug gehalten, noch gehören sie zur laufenden Verwaltungsarbeit.“

Auch Fotos werden zunehmend in digitaler Form aufbewahrt, dabei muss auf die sich ändernden Speichermedien und deren Sicherheit geachtet werden. „Es wird dadurch nicht alles einfacher und billiger: So wird ein zweiter, räumlich getrennter Server benötigt. Die Hardware und die Programme müssen von Spezialisten gewartet werden“, prophezeit Christoph Schotten, der sich damit nicht mehr intensiv auseinander setzten muss: Er geht im Sommer in Pension. Womit beschäftigt er sich dann? „Mit Velberts Geschichte.“