Wülfrath: Ein Prosit auf Weiß-Blau

Wülfrath: Ein Prosit auf Weiß-Blau

Mit befreundeten Vereinen feierten die Bayrischen Landsleute ihr 60-jähriges Bestehen. In Wülfraths Bayern ist an diesem Abend jedenfalls alles groß - die Biere, die Brezn, die Haxen und die Seelen.

Wülfrath. Edeltraut Fischbach ist glücklich. Die Bankangestellte aus Wiesbaden hebt ihr Glas und stößt mit ihren Tischnachbarn an - einem Lkw-Fahrer aus Bochum und einem Rentner aus Düsseldorf. Drei Liter feinstes Münchner Weißbier treffen sich in der Luft zum "Prosit der Gemütlichkeit".

Was die rund 140 Gäste im Saal der Arbeiterwohlfahrt eint, ist die Liebe zum Freistaat Bayern - vor allem zu dessen Tradition und Kultur. "Die Bayern haben Lebensfreude", sagt Fischbach im Gespräch mit der WZ. Es war der Großvater der 46-jährigen Wiesbadenerin, der in der Familie für bayrischen Werte stand.

Deshalb ist es für sie eine Ehrensache, Mitglied eines Bayern-Vereins zu sein - und als solches das 60-jährige Bestehen des Wülfrather Vereins Bayrische Landsleute und das 50. Jubiläum der Kuhglockenspielgruppe mit zu feiern.

Glücklich ist auch Maria Pausewang. Die 64-Jährige ist wohl die bekannteste Bayerin in Wülfrath. Ihren Dialekt hat sie all die Jahre, die sie schon in der Kalkstadt lebt, nie abgelegt. Es war 1959, als sie mit Ehemann Karl im Frankenland die Koffer packte, um in der boomenden Industrieregion Nordrhein-Westfalens eine Existenz aufzubauen.

Die Familie machte sich in Wülfrath mit dem eigenen Parkett- und Bodenleger-Betrieb selbstständig. "Ich wohne in Wülfrath, aber in Franken bin ich zu Hause", sagt Maria Pausewang.

Durch den Saal der Arbeiterwohlfahrt (die Stadthalle stand dem Verein nicht zur Verfügung) wiegen derweil Wellen des Wohlbehagens. An den Wänden hängt die blau-weiß-karierte Bayern- Flagge. Daneben steht auf einem Plakat in Großbuchstaben geschrieben: "Treu dem guten alten Brauch".

Getreu dem Spruch haben sich die Gäste nach original bayrischer Manier in Schale geworfen: Die Damen im Dirndl, die Herren in Lederhose. Auf dem Kopf tragen sie einen grünen Bayernhut mit Adlerflaumfeder.

Die Trachtenkapelle "Edelweiß Musikanten" in Sepplhosen und weißen Kniestrümpfen spielt die Musi. Dann setzt das Glockenspiel ein und Jodler Paul gibt sein musikalisches Können zum Besten. Später am Abend hat der Schuhplattler noch den großen Auftritt.

Es war im Jahr 1950, als zum ersten Mal junge bayrische Burschen fern der Heimat in der Kalkstadt beisammensaßen und in Erinnerungen an Bayern schwelgten: Sie sprachen Bayrisch und sangen Volkslieder. Auch sie hatten wegen der Aussicht auf eine Arbeitsstelle der Heimat den Rücken gekehrt. Im "Exil" schlossen sie sich zusammen.

Heute sind es weniger die gebürtigen Bayern, sondern mehr und mehr ihre Kinder und Enkel, die sich in den Vereinen engagieren. Was aber ist generell der Unterschied zwischen Bayern und Preußen? "Lustig samma und Schneid hamma", singen die Bayern-Fans Rainer Wendel und Harald Alois Schler. "Die Bayern sind gemütlicher und familiärer als der Preuße."

In Wülfraths Bayern ist an diesem Abend jedenfalls alles groß - die Biere, die Brezn, die Haxen und die Seelen. Und auch Maria Pausewang ist angesichts all der Stimmung glücklich. Sie erzählt davon, wie ihre Cousine ihr ein Geschenk machte. Das ist ein Aufkleber, der seither an ihrem Auto klebt: Gott sei dank, ich bin ein Franke."

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