Der Beichtstuhl bleibt immer häufiger leer

Der Beichtstuhl bleibt immer häufiger leer

Monsignore Karl-Klemens Kunst hat für alle Menschen ein offenes Ohr.

Jeden Samstag vor der Abendmesse sitzt Monsignore Karl-Klemens Kunst in der Kirchenbank vor dem Beichtstuhl. Meistens wartet er dort vergebens auf jemanden, der seine Sünden bei ihm abladen möchte. Aber ab und an komme doch der eine oder andere, der das Gespräch mit ihm suche, erzählt der Pfarrer im Ruhestand.

Mehr als 50 Jahre ist es her, dass der mittlerweile 78-jährige Pfarrer zum Priester geweiht wurde. Genauso lange nimmt er die Beichte entgegen, erteilt die Absolution und legt seine Hände auf, wenn das gewünscht wird.

An längst vergangene Zeiten, in denen noch viel und oft gebeichtet wurde, erinnert er sich gut: „Da saßen wir an den Samstagen schon zwei bis drei Stunden im Beichtstuhl. Manches wurde zur Seelenführung.“ Mittlerweile ist der Samstagnachmittag — die traditionelle Beichtzeit — für diensttuende Kleriker zu einer Zeit des Wartens und des Gebetes geworden.

Ob in der Kirche, im Pfarrhaus oder im eigenen Wohnzimmer: Seine Verfehlungen gegenüber den Mitmenschen, der Kirche und Gott darf man überall bekennen. Und so komme es auch oft vor, dass sich aus dem alltäglichen Seelsorgegespräch eine Beichte ergebe, weiß Monsignore Kunst.

Er selbst lässt sich etwa zweimal im Jahr die Beichte abnehmen. Meist fährt er dafür ins Nevigeser Kloster. Dass viele Katholiken es mit der Verpflichtung zur Beichte nicht mehr so genau nehmen, weiß er. Den moralischen Zeigefinger will er dennoch nicht heben. Wenn er von dem Wunsch nach Umkehr spricht, so klingt zwischen den Zeilen eher eine tiefe Verzweiflung in Anbetracht der zunehmenden Oberflächlichkeit menschlichen Tuns hindurch. „Beichten gehen und im Leben nichts ändern: Damit ist es nicht getan“, glaubt Monsignore Kunst. Wenn er von „Gewissenserforschung“ spricht, ist wohl am ehesten das selbstkritische Nachdenken über sich selbst gemeint. Das fehlt ihm, das vermisst er — aber ohne ethische Auseinandersetzungen funktioniere das mitmenschliche Miteinander nun mal nicht, glaubt er.

Dass täglich Hunderte auf Online-Beichtseiten ihre Vergehen im Netz abladen, kann er überhaupt nicht verstehen. Ein Mausklick und die Schuld ist vergeben? Karl-Klemens Kunst schüttelt den Kopf. Monsignore Karl-Klemens Kunst ist ein katholischer Priester der alten Schule. Man kann wunderbar mit ihm plaudern — über Gott und auch über die Welt. Man kann ihn ansprechen, ohne dabei den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ aufzuwirbeln. Viel eher kommt einem bei der Begegnung in den Sinn, dass die Theologie eine Einladung zur intellektuellen Auseinandersetzung sein kann: Auch und vor allem jenseits der Beichtstühle.

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