Das Rennpferd des kleinen Mannes

Das Rennpferd des kleinen Mannes

Immer noch fasziniert Menschen die Taubenzucht. Aber es ist auch ein aussterbendes Hobby.

Wülfrath. Für viele Menschen, die dieses Hobby nach wie vor betreiben, ist es die schönste Nebensache der Welt. Andere, besonders jüngere Menschen, können damit kaum noch etwas anfangen: die Taubenzucht. Artur Koslowski, Vorsitzender des Wülfrather Vereins „Blauer Vogel“ gehört zu ersterer Gattung. Seit 1951 betreibt er dieses Hobby.

Der heute 79-Jährige wohnt in der Mettmanner Siedlung Röttgen und hat hinter seinem Haus den heimischen Schlag im eigenen Garten. „Es hat sich viel geändert“, erzählt er. Bekamen die Tauben früher einen Gummiring, der nach der Heimkehr erst gelöst und dann in eine spezielle Uhr gesteckt werden musste, hat seit den 90er Jahren moderne Elektronik Einzug gehalten.

Die Tiere verfügen über einen elektronischen Ring. Kommen sie im heimischen Schlag an, registriert eine Antenne das. Unbestechlich.

Die Augen des Rentners, der früher im Fahrzeugbau und bei einer Spedition tätig war, leuchten, wenn er über sein Hobby spricht.

Er hält rund 120 Tauben. In der Hauptsaison hat er viel damit zu tun, seine Tauben zu trainieren und sie zu Wettflügen zu schicken. Training? Wie geht das? „Man macht das über Futter. Sobald die Tauben wissen, dass es im Schlag was zu fressen gibt, kommen sie wieder“, erzählt Koslowski. Er kann seine Tiere regelrecht rufen.

Ganz geklärt ist übrigens immer noch nicht, wie der legendäre Orientierungssinn der Tiere genau funktioniert. Werden sie beispielsweise frühmorgens im österreichischen Wels „aufgelassen“, bewältigen die schnellsten die mehr als 600 Kilometer lange Strecke bereits bis mittags, je nach Wind. 14 solcher Preisflüge stehen im Jahr an, fünf für junge Tauben.

Immer wieder kommt es vor, dass Tauben auf ihrem Heimflug festgehalten werden, dann aber doch ausbüchsen können. „Dann kommen sie nach Monaten in den Heimatschlag zurück“, sagt Koslowski. Das sei wie ein Wunder.

Dass sein Hobby im Aussterben begriffen ist, weiß Artur Koslowski. „Ja, es geht zurück“, sagt er. Hatte der Wülfrather Verein im vergangenen Jahr noch neun Mitglieder, sind es anno 2015 noch sieben. „Es ist zeitaufwendig“, so Koslowski.

Hinzu komme, dass längst nicht mehr überall Kleintierhaltung erlaubt sei, beziehungsweise Taubenzucht nicht gerne gesehen ist. „Die Leute tun sich das nicht mehr an“, sagt Ehefrau Doris Koslowski. Sie und ihr Mann konnten immer erst im September Urlaub machen, wenn die Saison gelaufen ist. Und: „Es ist ja auch nicht ganz billig.“ Auch das „Rennpferd des kleinen Mannes“ kostet.

Wie viel Zeit fordert dieses Hobby? „Eine Stunde am Tag außerhalb der Saison, sonst zwei Stunden oder mehr“, sagt Koslowski. Was bei seiner Ehefrau leichten Spott hervorruft: „Zwei Stunden — von 8 bis 17 Uhr.“