Anpacken, mitreißen, helfen

Peter Böhme hat seine Bestimmung gefunden. Bei der Tafel gibt er Suppe aus, und beim Nabu schützt er als aktives Mitglied Kröten.

Wülfrath. Peter Böhme hat seine Arbeit geliebt. Als gelernter Industriekaufmann kümmerte er sich um Großprojekte im Ausland. Thailand, Kasachstan, Kairo oder auch Sibirien — der tüchtige Geschäftsmann kam viel herum. Als im Jahre 2002 das Aus für seine Firma kam, war der damals 51-jährige Angestellte arbeitslos, perspektivlos. „51 und überqualifiziert. So jemanden wie mich wollte auf dem Arbeitsmarkt keiner mehr haben!“

Heute hat der Wülfrather seine Bestimmung gefunden und ist Ehrenamtler mit Leib und Seele. Ob bei der Tafel oder im Eine-Welt-Laden — weder Geld noch hohe Positionen lösen bei ihm ein Gefühl von Zufriedenheit aus. „Es ist die Gewissheit, etwas geben zu können, die mich glücklich macht“, formuliert es der 59-Jährige und sieht seine Tätigkeiten keineswegs als Hobby: „Es ist meine Aufgabe!“ Seit 2003 schwingt Peter Böhme den Suppenlöffel bei der Tafel, gibt Essen aus und organisiert. Niemand soll in Wülfrath Hunger haben.

Doch noch wichtiger ist ihm die Kommunikation: „Die Lebensmittel sind bei der Tafel nicht alles! Ich rede mit den Leuten, mache ihnen Mut und versuche, ihnen aus ihrer Situation herauszuhelfen“, erklärt Böhme und erinnert sich an die vielen Namen und Gesichter, bei denen ihm genau das gelungen ist.

„Eine Zeit lang kam ein junger Russlanddeutscher zu uns. Als ich ihn fragte, warum er auf die Tafel angewiesen sei, erzählte er mir, dass sein Ingenieurabschluss hier nicht akzeptiert werde und er keine Arbeit finden könne.“ Von nun an durchblätterte Peter Böhme die Stellenanzeigen und wurde fündig: „Ich erinnere mich noch ganz genau, wie er das letzte Mal zur Tafel kam, um mir glücklich die Nachricht zu übermitteln, er habe nun eine Arbeit!“

In der vergangenen Woche organisierte der Ehrenamtler die inzwischen traditionelle Weihnachtspäckchenaktion für Bedürftige: „Ein achtjähriges Mädchen hatte sein Lieblingsspielzeug verpackt, um es einem anderen Kind zu schenken, das weniger hat als sie selbst!“ Momente, die Peter Böhme glücklich machen. Trotzdem sieht er sich nicht als blauäugigen Wohltäter. Auch er beäugt manches kritisch: „Ich will mich auf keinen Fall ausnutzen lassen. Weder von der Stadt noch vom Staat. Ich helfe nur dort, wo es wirklich dringend ist.“

Nein sagen — das kann Peter Böhme. So verschwendet er seine Energie nicht an unzählige Projekte gleichzeitig, sondern beschränkt sich gezielt auf ausgewählte Aufgaben. „Ganz oder gar nicht“, lautet hier sein Motto. Und das heißt für Peter Böhme auch, Dinge differenziert zu betrachten: „Ich spreche die Menschen bei der Tafel auch auf eventuelles Fehlverhalten an, weise sie darauf hin, dass sie die Tafel als Übergangslösung für ihr Problem betrachten müssen und erkläre ihnen, wie man für Kinder vernünftiges Essen zubereitet oder was zum Beispiel Mangold ist.“

Seine Leidenschaft zu helfen behält der Wülfrather nicht für sich. Wer ihn kennt, weiß, dass er mitreißen will. Besucher der Tafel haben mit anzupacken. „Reden können wir alle“, pflegt er dann immer zu sagen. Dass die Begeisterung nicht immer leicht zu entfachen ist, merkt er gerade am Eine-Welt-Laden in der Medienwelt. „Der eine oder andere, der hier schon mitgearbeitet hat, sieht es langsam nicht mehr ein, für eine einzige verkaufte Schokolade am Tag hier zu sitzen“, erzählt er.

Ebenso wie für Menschen setzt sich Peter Böhme für Tiere ein. Als aktives Mitglied beim Nabu organisiert er jährlich die Krötenaktionen. Und seit 2009 versucht er, für Turmfalken in den niederbergischen Kirchtürmen sicheren Unterschlupf zu schaffen und sie so zu schützen. In der Velberter Christuskirche ist es ihm bereits gelungen. Auch in den Wülfrather Gotteshäusern hofft er nun auf Akzeptanz bei Mensch und Tier.

Eine Frage drängt sich bei so viel Einsatz, Engagement und Hingabe unwillkürlich auf: So viel Zeit, Verlässlichkeit und Verantwortung — und das alles ohne Lohn? „Lohn“, sagt Böhme. „Davon bekomme ich Tag für Tag genug. Tausende von Dankeschöns haben mich reich gemacht!“

Mehr von Westdeutsche Zeitung