„Von außen wird viel ins Spiel hineingetragen“

Fußball : Biermann: „Wir leben hier auf Wolke sieben“

Interview Bernd Biermann setzt sich als Vorsitzender des Fußballkreises Düsseldorf und früherer Schiedsrichter für eine gute Trainerausbildung für die Arbeit mit Junioren und Senioren ein.

Fußball ist Volkssport, spricht also viele Menschen an – sei es als Aktiver oder als Fan. Doch immer öfter rückt auf Amateur­ebene der Spaß am Spiel mit dem runden Leder in den Hintergrund. Die Schiedsrichter stehen als Regelhüter plötzlich im Fokus, sehen sich regelmäßig verbalen Anfeindungen ausgesetzt, im schlimmsten Fall auch physischer Gewalt. Damit ist der Volkssport Fußball ein Spiegelbild unserer modernen digitalisierten Gesellschaft, in der der Respekt vor dem Mitmenschen zunehmend in Vergessenheit gerät. Bernd Biermann beobachtet seit vielen Jahren die Entwicklung – früher als Spieler, später als Schiedsrichter und Vorsitzender der Schiedsrichtervereinigung im Fußballkreis Düsseldorf und inzwischen als Kreis-Vorsitzender.

Der Fußballverband Niederrhein hat einen Lehrstab Konfliktmanagement installiert. Was bedeutet das?

Bernd Biermann: Kreiskonfliktbeauftragte gibt es seit zehn bis zwölf Jahren. Seitdem arbeitet man daran, das Thema Gewalt in den Griff zu bekommen. Es kommt immer wieder hoch, wenn etwas Gravierendes passiert. Entsprechende Maßnahmen sind schon lange im Verkehr, sie werden immer wieder verfeinert.Wir hoffen durch den im Januar 2020 ins Leben gerufenen Lehrstab Konfliktmanagement eine große Menge Leute zu sensibilisieren, die Regeln auf und neben dem Fußballplatz einzuhalten. Die vom Lehrstab erarbeiteten Konzepten werden unter anderem auch Teil der zukünftigen Trainerausbildung des Verbandes sein. Weiterhin werden präventiv Schulungsmaßnahmen für Vereine, Mannschaften, Trainer und Spieler angeboten.

Wie groß ist das
Gewaltpotential in und
um Düsseldorf? Hat sich die Lage verschlechtert? Rücken Schiedsrichter mehr in den Fokus?

Biermann: Wir leben hier auf Wolke sieben. Im Verhältnis zu den Spielen im Jugend- und Seniorenbereich ist die Zahl der Vorfälle gering. Im Ruhrgebiet mit Duisburg und Essen ist das Gewalt­potenzial, auch sozial bedingt, etwas anders. Die Kultur der Leute ist ein entscheidender Punkt. Im Kreis Düsseldorf ist die Trainerausbildung im Jugendbereich absolut führend. Auch dies ist ein entscheidender Punkt. Ausgebildete, qualifizierte Trainer sind mit eine wichtige Voraussetzung für einen geregelten, gewaltfreien Spielbetrieb. Auch im Seniorenbereich arbeitet man an der Trainerausbildung. Von außen wird viel ins Spiel hineingetragen. Wenn ein Trainer sagt, der Schiedsrichter hat Recht, ist das etwas anderes als wenn er wie ein HB-Männchen hochspringt.

Gibt es Sportler, von denen Fußballer lernen können?

Biermann: Die Handball-Europameisterschaft hat wieder einmal gezeigt: Beim Handball gibt es so etwas nicht. Eine rote Karte wird noch nicht einmal diskutiert. Im Fußball diskutieren wir aber über jede Szene. Das Regelwerk gibt die Konsequenzen vor, es wird aber nicht umgesetzt.

Ist es gut, dass die
Bundesliga Rudelbildung oder Meckereien mehr
bestraft und die Trainer
mit gelben Karten zügelt? Wird sich das auf die
unteren Ligen auswirken?

Biermann: Die Anweisung, dort härter durchzugreifen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es gilt allerdings, diese konsequent und vor allen Dingen auf Dauer durchzusetzen. Da hat der bezahlte Fußball eine absolute Vorbildfunktion. Wenn man einmal fünf bis sechs Spieltage richtig aufräumt, dann ist das ein Signal – und dann hört es auch auf. Handball, Basketball, Hockey – diese Sportarten haben diese Probleme nicht. Da ist der Menschenschlag ein anderer und es wird bei Vergehen härter durchgegriffen.

Auf Amateurebene wurde eingeführt, dass Fußballer nach der fünften gelben Karte gesperrt sind.
Hilft das?

Biermann: Das hilft nur im Profibereich, wenn der Spieler dadurch weniger Geld verdient. Für den Amateurbereich ist dies nur bedingt eine hilfreiche Maßnahme. Ein wunderschönes Mittel war früher die Zeitstrafe, um die erhitzten Gemüter von Spielern zur Ruhe zu bringen.

Kurz vor der Winterpause gibt es oft eine Kartenflut, weil die Sperren für Wochen und nicht für Spiele gelten. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Biermann: Es ist einfach Tatsache, dass in dieser Zeit die Zahl der Delikte steigt, die eine gelbe Karte nach sich ziehen. Eine Sperre gilt zum Beispiel für vier Wochen oder vier Meisterschaftsspiele. Das kann man noch gut in einer spielfreien Zeit absitzen. Man arbeitet intensiv daran, dies zu ändern, aber das ist ein langer Prozess und auch ein technisches Problem. Die Dauer der Sperre muss transparent gemacht werden. Das Problem bei einem Wechsel in der Winter- und Sommerpause: Wie kann das System die Sperre mitnehmen? Für welche Mannschaft und welchen Wettbewerb gilt die Sperre? Diese Dinge in eine Einheit zu bringen, ist nicht einfach.

Wie sieht es mit der
Einführung von gelben
und roten Karten für
Trainer aus?

Biermann: Wenn man es konsequent macht und sich einig wird, welche Möglichkeiten die Rechts­instanzen haben, dies zu ahnden. Spiel- oder Geldsperre? Letztere tut dem Einzelnen mehr weh.

Gab es das schon früher oder ist das Phänomen neu, hat die Brutalität im Fußball zugenommen?

Biermann: Es hat immer mal Trouble gegeben und es sind nicht immer schiedlich, friedliche Worte gefallen, aber es hat immer Grenzen gegeben. Wenn ich da an die Handballer denke, was die einstecken müssen. Die werden geschubst oder umgerissen, aber selbst wenn es knapp ist, gibt es danach auch während des Spiels Shake-Hands. Warum geht das im Fußball nicht? Wenn der Schiedsrichter pfeift, legt man den Ball hin und es geht weiter.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Lage zu verbessern?

Biermann: Wenn es zu einem zivilrechtlichen Prozess kommt, greifen die staatlichen Behörden zu selten auf Vorermittlungen der Rechtsinstanzen des Sportverbandes zurück. Dabei wird da ­genauso Protokoll geführt wie bei Gericht. Da muss mehr öffentlich gemacht werden. Aber auch der Schiedsrichterbereich muss besser geschult werden. Wie kann ich deeskalieren, wie kann ich aggressive Menschen anpacken, wie geht man aufeinander zu, wie gehe ich mit bestimmten Themen um? Gerade in den unteren Amateurligen kann ich sehr viel verhindern.

Was bedeuten Schulungsmaßnahmen für Fußballer?

Biermann: Rechtsinstanzen können anordnen, dass einzelne Spieler oder Mannschaften geschult werden. Im Jugendbereich wird das Thema Gewalt auf Sportplätzen besprochen: Wie kann man das verhindern? Man kann aber auch das Teamverhalten schulen: Was kann ich von mir aus tun, damit es in der Gruppe stimmt? Bislang ist das immer auf Druck der Rechtsinstanzen erfolgt, wir bieten das Vereinen aber auch so an. Was ist Gewalt, wann fängt Gewalt an? Das sind Fragen, über die bei solchen Schulungen gesprochen wird. Vor 20 oder 25 Jahren hieß es „Du bist eine Bratwurst“ – ist das eine Beleidigung? In verbaler Hinsicht haben die Ausdrücke, die heutzutage fallen, eine andere Qualität bekommen. Es ist wichtig, Verständnis füreinander zu wecken, denn letzten Endes versucht jeder, eine sportliche Leistung zu bringen, egal in welcher Liga und mit welchen Mitteln.