Wie ein ganzer Stadtteil in die Höhe wuchs

Ratingen : Ratingen-West und die Neue Heimat

„Bauhaus“: Die Stadt Ratingen plante 1965 einen komplett neuen Stadtteil mit Wohnraum für bis zu 20 000 Menschen.

Unter dem attraktiven Dach „100 Jahre Bauhaus“ vermag sich allerlei zu verbergen. Unter anderem – im Museum Ratingen – eine Ausstellung mit dem Titel „Entwurf Zukunft – Ratingen-West und das Neue Bauen“. Museumsleiterin Alexandra König, Wiebke Sievers vom Ratinger Haus und Fachkräfte vom Landeskulturministerium und den Landschaftsverbänden haben sich erfolgreich daran gemacht, den gerade mal 55 Jahre alten Stadtteil aus städtebaulicher Sicht zu beleuchten. Herausgekommen ist eine überaus anschauliche Präsentation – interessant für damalige Zeitzeugen, aufschlussreich für aktuelle Bewohner.

Zur Geschichte ist zu sagen, dass die Stadt Ratingen im Jahr 1965 beschloss, auf den ausgedehnten Feldern im Westen des historischen Stadtzentrums einen ganz neuen Stadtteil zu errichten. Dies war nötig, um dem anhaltenden Wohnungsmangel zu begegnen. Und es war möglich, weil die Stadt Düsseldorf eine stattliche Zahl der zu bauenden Wohnungen abkriegen sollte. Für rund 20 000 Menschen sollte gebaut werden – ein ambitionierter Plan für die alte bergische Stadt mit ihren damals rund 40 000 Einwohnern und folge des nachzulesenden Angerland-Verrages.

Im Sommer 1965 gab es die ersten Planungen der „Neuen Heimat“

Einen Partner fand die Stadt in der seinerzeit größten Wohnungsbaugesellschaft, der gewerkschaftseigenen Neuen Heimat (NH), bei der der Name schon das Programm sein sollte. Für das Bauprojekt in Ratingen fanden die ersten Planungen der NH im Sommer 1965 statt. Im Frühjahr 1966 begann sie mit Erschließungsarbeiten, womit die Lage des ersten Bauabschnitts feststand. Im Nachhinein wurde aus diesem Grund der ungefähr zeitgleich stattfindende Wettbewerb als reine Alibi-Veranstaltung gewertet.

Ob diese Arbeiten jedoch über die in der Ausschreibung ausdrücklich als verbindlich gesetzten, weil bereits ausgeführten Straßen hinaus gingen, ist unklar. Auch der vorliegende Plan der NH war Bestandteil der Wettbewerbsausschreibung. Ausweislich der 1967 erschienen Dokumentation konnte er von den Teilnehmern übernommen, aber auch ganz oder teilweise geändert werden, falls „das Konzept für den Kommunikationsbereich oder eine grundsätzlich andere Auffassung für die Wohnform es verlangen“. Um es kurz zu machen: Errichtet wurde das Viertel schließlich nach der Planung der hauseigenen Architekten der NH, Günter Englert, Heinz Grosse und Diether Haase.

Aufgrund der allenthalben laut werdenden Kritik an Großsiedlungen der Neuen Heimat lobte das Wohnungsbauunternehmen im Jahr 1966 zusammen mit dem Bund Deutscher Architekten den Ideenwettbewerb „Das Leben in der Siedlung – die Kommunikationsbereiche“ aus.

Am Beispiel Ratingen-West mit 20 000 Einwohnern sollten dem Ausschreibungstext zufolge „Meinungsäußerungen“ der Wettbewerbsteilnehmer zu den Fragen eingeholt werden, „ob die Kernzone der Siedlung mehr oder weniger großräumig, von grünen Freianlagen beherrscht gesehen wird, oder im Gegensatz dazu mehr oder weniger dicht mit der Absicht einer konzentrierten Kommunikation oder sogar dezentralisiert zu kleineren Bereichen zusammengefasst werden sollte.“ 132 Arbeiten wurden schließlich eingereicht, sieben weitere Entwürfe durch Ankäufe ausgezeichnet. Letztlich hat die Neue Heimat selbst die Chance verpasst, neue typologische Modelle der Großwohnsiedlung zu erproben und damit für das eigene Unternehmen Zukunftssicherheit herzustellen, indem sie sich über die erklärten Ziele des Wettbewerbs hinwegsetzte.

Heute leben 17 819 Menschen in West, es gibt sieben Schulen

Das spätere Elend des Unternehmens braucht hier nicht ausgeführt zu werden. Immerhin gab es sehr schnell viel Wohnraum. Heute zählt Ratingen-West nach der Statistik der Stadt (Stand Dezember 2017) 17 819 Einwohner. Davon sind 8712 männlich, 9107 weiblich. Es gibt dort zurzeit sieben Schulen.

Fast 14 000 Bewohner von Ratingen West sind Deutsche. Die größte folgende Gruppe kommt aus der Türkei (725). Weitere Staatsangehörigkeiten: Polen: 489, Syrien, Arabische Republik: 254, Irak: 209 und Griechenland 208; nahezu gleichauf Russische Föderation 165 und Italien 162. Menschen aus der Ukraine, Serbien, Mazedonien, Marokko und Rumänien bringen je 135 bis 101 Bewohner. Bunte Häuser sind inzwischen weiß gestrichen, grauer Beton ist begrünt und Straßenschilder sind in die Straßenbäume eingewachsen. Das sieht auf den ausgestellten Fotografien im Museum noch ganz anders aus. Sehenswert sind dort auch die sehr gut erhaltenen Architektur-Modelle und eine Diashow, die eine Familie in West vorstellt.

Und es gibt ein gutes Stück „Literatur“ zum Stadtteil: den Katalog.

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