Straßennamen auf dem Prüfstand

Straßennamen auf dem Prüfstand

In Homberg und Lintorf sollen Straßen umbenannt werden, weil die Namensgeber den Nationalsozialismus verherrlicht haben. 556 Anwohner müssen sich vielleicht bald an eine neue Adresse gewöhnen.

Ratingen. In Homberg und Lintorf wird so mancher Bürger vielleicht bald eine neue Adresse haben. Denn die Stadt hat vor, die Namen von drei Straßen zu ändern: Und zwar wird diskutiert, ob die Agnes-Miegel-Straße und die Hermann-Stehr-Straße in Homberg sowie die Ina-Seidel-Straße in Lintorf noch so heißen sollen oder ob sie einen anderen Namen bekommen sollen. 556 Anwohner müssten sich dann, sollte die Entscheidung in den politischen Gremien für neue Namen gefällt werden, an eine neue Anschrift gewöhnen.

Dass die Stadt überlegt, die Namen zu ändern, hat folgenden Hintergrund: Ein Ratsmitglied aus der Gemeinde Heiligenhafen an der Ostsee hatte im Ratinger Rathaus angerufen. Er wollte wissen, wie die Stadt es mit genau diesen Straßennamen hält. Denn im Norden standen die Namen zur Diskussion. Somit kam das Thema Straßennamen auch auf die Agenda im Rathaus. Dirk Tratzig, Kulturdezernent der Stadt, beauftragte die Stadtarchivarin Erika Münster-Schröer damit, sich mal genauer mit den drei Namenspaten auseinanderzusetzen.

Und dabei machte sie bittere Erkenntnisse. „Alle drei haben als Dichter das nationalsozialistische Regime verherrlicht“, sagt Münster-Schröer. Dies sei bei den Recherchen deutlich geworden. „Und da ist es natürlich richtig, dass überlegt wird, ob diese Leute dann noch Namenspate für eine Straße sein können.“

Bei Agnes Miegel und Hermann Stehr befürworte sie die Änderung, auch wenn sie darüber nicht zu entscheiden habe, sondern die Politik. „Bei Ina Seidel sehe ich das ein wenig anders, weil die Literatin sich in der Nachkriegszeit mit ihrer Vergangenheit beschäftigt und sich deutlich vom Nationalsozialismus distanziert hat.“

Dass bis jetzt niemand etwas über die Geschichte der Namensgeber wusste, erklärt Münster-Schröer damit, „dass in den 50er- und 60er-Jahren, als die Straßen die Namen bekamen, niemand nach dieser umstrittenen Vergangenheit gefragt hatte. Im Vordergrund stand bei der Straßenbenennung, an die Vertriebenen aus den Ostgebieten zu erinnern.“

Dirk Tratzig hat in einer Beschlussvorlage für die Kommunalpolitiker, die über die Namensänderungen entscheiden müssen, auch schon Vorschläge unterbreitet. Zu diesen gehören: Nelly-Sachs-Straße, Else Laske-Schüler-Straße und Ingeborg-Bachmann-Straße.

Sollten die politischen Gremien für eine Umbenennung der Straßen stimmen, würden die Anwohner darüber informiert werden. „Allerdings wäre es natürlich wünschenswert, wenn auch die Anwohner erst einmal gehört werden, ob sie mit den Änderungsvorschlägen einverstanden sind“, sagt Tratzig, der auch klar macht, dass auch weitere Straßennamen im Stadtgebiet jetzt hinsichtlich ihrer Herkunft untersucht werden.

Kommt es zur Änderung der Adressen, müssen die Anwohner keine Sorge haben, dass ihre Post nicht mehr bei ihnen ankommt. „Ändert eine Kommune den Namen einer Straße, dann teilt sie uns das mit. Wir programmieren dann unsere Brief-Sortiermaschinen so, dass eine ganze Weile sowohl die alte als auch die neue Anschrift gespeichert sind“, sagt Achim Gahr, Sprecher der Post. „Selbst wenn jemand dann noch einen Brief mit der alten Adresse verschickt, wird er trotzdem an der neuen ankommen.“

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