Ratingen: Weitere prähistorische Funde im Schwarzbach-Quartier möglich

Ratingen : Seekuh: Experten hoffen auf weitere Funde

Es ist möglich, dass es auf der Baustelle des Schwarzbach-Quartiers weitere prähistorische Entdeckungen gibt.

Thore Marenbach, Geschäftsführer des Projektentwicklers Cube Real Estate, bleibt gelassen. Er betonte: „Für die weitere Entwicklung des Schwarzbach-Quartiers wurden alle Beteiligten über potenzielle, prähistorische Funde im Boden sensibilisiert. Wir erwarten keinen Verzug im Bauverlauf und sind gespannt, was der wachsam arbeitende Tiefbau noch findet.“ Man geht also durchaus von weiteren Entdeckungen aus, zieht den Zeitplan für das millionenschwere Bauprojekt aber nicht in Gefahr.

Was war passiert? Bei geologischen Untersuchungen entdeckten Mitarbeiter des Geologischen Dienstes NRW Anfang des Jahres fossile Knochen einer Seekuh. Ein echter Sensationsfund, wie er seit Jahrzehnten im gesamten Rheinland nicht mehr gelungen war. Vor 28 Millionen Jahren lebte das Tier hier in einem flachen, warmen Meer unter subtropischem Klima. Nach wissenschaftlichen Voruntersuchungen wurde der Fund am 30. Oktober der Öffentlichkeit präsentiert.

Entdecker wuschen den schlammigen Fund in einer Pfütze

Für die beiden Entdecker, die Geologen Dr. Stephan Becker und Daniel Schrijver, war es ein herausragender Moment: „Wir mussten die schlammbedeckten Fundstücke erst in einer Pfütze waschen, bevor wir erkannten, dass es sich um Seekuh-Knochen handeln könnte.“

Das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland sorgte für eine zügige Bergung der Knochen und beauftragte den Geologischen Dienst NRW mit Blick auf die paläontologische Bodendenkmalpflege mit den weiteren Untersuchungen des fossilreichen Fundhorizontes.

„Das Rheinland beherbergt zahlreiche, zum Teil bedeutende Fundstellen fossiler Pflanzen und Tiere, die vom Geologischen Dienst NRW in Kooperation mit dem LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland untersucht werden“, sagte Dr. Erich Claßen, Leiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Wie der Rest der Niederrheinischen Bucht war auch das heutige Gebiet der Stadt Ratingen im Oligozän vor 28 Millionen Jahren von einem flachen Meer bedeckt.

Entsprechend reich war auch die Ausbeute an kleinen Fossilien wie Muscheln, Schnecken, Seepocken und Korallen, die beim aktuellen Fund in Ratingen außer den Seekuh-Knochen aus dem sichergestellten Erdreich isoliert wurden. Auch Haizähne und Gehörsteine von Knochenfischen wurden gefunden. Das Besondere an dem Fundort im Neubaugebiet Schwarzbach-Quartier ist aber, dass er ziemlich genau am Übergang zwischen der Rheinebene und dem Bergischen Land und somit am Rheinischen Schiefergebirge liegt – also vor 28 Millionen Jahren im Küstenbereich des damaligen Meeres, wo die Seekühe, ähnlich wie ihre heutigen, wenigen Nachfahren in den Tropen, die Seegraswiesen abweideten.

In diesem Gewässer ist die Ratinger Seekuh vermutlich gestorben, auf den Meeresboden gesunken und nach und nach von anderen Tieren gefressen worden. Auf den Knochen siedelten sich schnell Seepocken an, nach etwa einem Jahr, so schätzte Christoph Hartkopf-Fröder, Paläontologe beim Geologischen Dienst NRW, dürften die Knochen von Sand bedeckt gewesen sein. Der gute Zustand und die große Zahl der gefundenen Knochen machen diesen Fund zu einer Besonderheit. Laut Dr. Oliver Hampe, Spezialist für fossile Meeressäuger am Museum für Naturkunde in Berlin, sind aus dem gesamten Rheinland nur zwei weitere vergleichbare Funde bekannt. Der erste stammt von den Bauarbeiten am Kreuz Kaiserberg in den 30er Jahren, der zweite, aus Bottrop, liegt ebenfalls schon drei Jahrzehnte
zurück.

Hampe bedauerte lediglich, dass der Schädel (noch) nicht gefunden wurde. Dieser würde eine exaktere Bestimmung der Art ermöglichen. Aus den gefundenen Rippen, Wirbelfragmenten und kleineren Knochenstücken lassen sich entsprechende Schlüsse nicht ziehen. Bislang vermutet der Experte, dass es sich um ein Exemplar der Gattung Kaupitherium handelt, vielleicht der Art Kaupitherium gruelli, der die Kaiserberger Seekuh zugerechnet wird.

Da die Knochen vermutlich von Haien und anderen Tieren beim Fressen verteilt wurden, besteht durchaus die Hoffnung, dass der Schädel noch auftaucht, denn im Schwarzbach-Quartier warten bekanntlich noch mehrere Baufelder auf ihre Ausschachtung.

Diese Ausschachtung wird jetzt mit noch größerer Sorgfalt durchgeführt als bisher schon. Der Leiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland war voll des Lobes über die Zusammenarbeit mit der Cube Real Estate GmbH, die das Ratinger Quartier entwickelt, und der Baufirma Köster GmbH: „Hier haben alle vorbildlich Hand in Hand gearbeitet.“Marenbach sagte, er sei ganz fasziniert von diesem außergewöhnlichen Fund. Dadurch bekomme das gesamte Schwarzbach-Quartier ein besonderes Flair.

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