Piraten setzen die Segel

Piraten setzen die Segel

Das gute Wahlergebnis in Berlin verschafft der Partei auch im Kreis Mettmann Rückenwind.

Ratingen. Sie stoßen an, trinken gemeinsam ihr Bier oder ihren Wein, erzählen von ihren Familien und Hobbys, schreiben von ihren Notebooks oder Smartphones aus Mails und diskutieren über Staatstrojaner, die Legalisierung von Cannabis und darüber, wie rechtmäßig Gema-Gebühren sind.

Hin und wieder wird die Debatte heftig. Manche stehen wutentbrannt auf, gehen vor die Tür der Kneipe „Talschlösschen“ in Ratingen, um sich zu beruhigen. Danach kann der Stammtisch der Piratenpartei weitergehen.

Seit rund zwei Jahren treffen sich die Mitglieder der Partei regelmäßig in Ratingen. Anfangs waren es gerade einmal drei Mitglieder. Beim letzten Stammtisch kamen rund 20 Besucher ins „Talschlösschen“. Was sie gemeinsam haben: Alle sind sie neugierig, was es mit der Partei auf sich hat, die so erfolgreich bei der Wahl in Berlin war.

Und nicht nur in Ratingen haben die Piraten regen Zulauf. „In jeder kreisangehörigen Stadt können wir feststellen, dass nach Berlin viele mehr über uns wissen wollen“, sagt Gabriel Heinzmann-Jiménez, zuständiger Pirat für den Kreis Mettmann. Mittlerweile gebe es auch schon Stammtische in Langenfeld und Monheim. In allen Städten des Kreises seien weitere in Planung.

Doch beim Interesse der Menschen an der noch jungen Partei bleibt es nicht — viele wollen auch Mitglied werden. „Die Berlin-Wahl war einfach die beste PR, die wir bekommen konnten. Danach haben viele Mitgliedsanträge angefordert“, sagt Heinzmann-Jiménez. So sei in den vergangenen Wochen die Zahl der Piraten im Kreis Mettmann von 30 auf jetzt 74 gestiegen.

Und sie können mit weiteren Mitgliedern rechnen. Denn auch beim letzten Stammtisch waren die Anträge schnell vergriffen. Ulrike Stroeks ist eine Besucherin, die überlegt, ob sie der Partei beitreten soll. „Ich bin von den Volksparteien maßlos enttäuscht. Wir brauchen etwas anderes, um den wahnsinnigen Entwicklungen in diesem Land etwas entgegenzusetzen“, sagt sie.

Auch Nico Oberbandscheidt ist neugierig auf die Partei. „Das ist mal was anderes. Die bringen frischen Wind ins Parteiensystem.“ Und Beate Pape, die schon zum zweiten Mal den Stammtisch besucht, fügt hinzu: „In einer Zeit, in der sich die Bürger oft ohnmächtig fühlen, bieten die Piraten einfach eine Möglichkeit, diese Ohnmacht zu kanalisieren. Bei ihnen darf jeder zu Wort kommen“, sagt sie.

Neugierig, wer die Piraten sind und was sie wollen, ist auch Alexa Uhle-Nattler aus Mettmann. „Ich habe die zuvor belächelt. Aber nach Berlin war ich neugierig und habe recherchiert. Mir gefällt, dass die Piraten Transparenz groß schreiben.“

Es gibt aber auch eher kritische Stimmen beim Stammtisch: „Die Piraten versuchen, in die Tiefe zu gehen. Aber man merkt, dass zu viele junge Leute da drin sind. Viele Themen sehen sie nicht im Gesamtzusammenhang“, sagt Michael Benthele. Dennoch überlegt der 46-Jährige, ob er sich engagieren soll. „Vielleicht kann ich ihnen mit meiner Lebenserfahrung da ein wenig helfen.“

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