Großprojekt : Neubau auf der alten Stadtmauer

Archäologen wurden bei ihrer Suche auf dem ehemaligen Hertie-Gelände fündig.

Mittelalter trifft Zukunft – und dies auf engem Raum. Der Neubau auf dem alten Hertie-Gelände ist kein planerischer Selbstläufer, denn die Ergebnisse der archäologischen Grabungen machen deutlich: Reste der alten Stadtmauer liegen bautechnisch auf sensiblem Terrain. Anders ausgedrückt: Da steht etwas im Weg, das erhaltenswert ist.

Was ist am Standort vorgesehen? Die Tecklenburg Projektentwicklungs-GmbH plant im Bereich der Kreuzung Düsseldorfer Straße/Wallstraße eine Quartiersentwicklung mit Handel und Wohnen. Die Planung sieht zwei Untergeschosse vor, was laut Stadtverwaltung zu einer etwa zehn Meter tiefen Baugrube führen würde. Die geplante großflächige Baugrube habe an drei Punkten potenzielles Konfliktpotenzial mit Anlagen der mittelalterlichen Stadtmauer, mit drei Türmen und dem Stadtgraben, erklärt Anja Wieling vom Amt für Stadtplanung, Vermessung und Bauordnung.

An den jeweiligen Turmstandorten sollten Sondagen das Vorhandensein und die Position der archäologischen Substanz klären. Die Arbeiten sind nun abgeschlossen. Eine Sondage ist ein archäologisches Verfahren zur Abklärung von Schichtfolgen bei der Voruntersuchung eines Terrains, das zur Ausgrabung ansteht.

Rückblende: Ratingen erhielt 1276 durch Graf Adolf V. von Berg und Elisabeth Gräfin von Berg die Stadtrechte. Der mittelalterliche Stadtmauerring ist nach weitreichenden Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg in Ausschnitten auch heute noch erhalten. Von ehemals 15 Türmen sind heute drei sichtbar: Trinsenturm im Westen, Dicker Turm im Norden und Kornsturm im Osten. Die Stadtmauer wurde aus Grauwacke-Bruchsteinen errichtet, sie erreichte eine Höhe von sieben und eine Breite von zwei Metern. Vor der Mauer lag der mächtige wasserführende Stadtgraben, das Stadtgebiet konnte man damals über insgesamt vier Tore und Zugbrücken erreichen.

Bei Untersuchungen an der Wallstraße konnten zwei von drei Türmen eingemessen und wahrscheinlich auch mit ihrer Unterkante erfasst werden, ebenso vermutlich die nördliche Flucht des Stadtgrabens. Der aus der preußischen Uraufnahme postulierte Verlauf der Stadtbefestigung ließ sich laut Bericht gut bestätigen.

Bei Untersuchungen wurde weiterer Turm gefunden

Den östlichen eckigen Turm konnte man bei der ersten Sondage nicht nachweisen, da im Gehwegbereich durch die Verlegung von Leitungen und Kabeln eine massive Störung vorlag. Bei einer weiteren Sondage konnte der zweite Turm – etwa 60 Zentimeter nach Osten verschoben – lokalisiert werden. Er wurde in seiner gesamten Breite erfasst, und auch die Unterkante zeigte sich ­deutlich.

Bei der dritten Sondage, genau gegenüber der Straße „Am alten Steinhaus“, wurde der Stadtturm in seinem südlichen Bereich angeschnitten. Er wurde nicht in kompletter Breite freigelegt. Es konnten das noch 40 Zentimeter hohe Mauerwerk und auch der Fundamentbereich erfasst werden. Vermutlich erreichte man die Unterkante, da der unterste freigelegte Stein nicht wie die anderen in Lagen versetzt war, sondern in feinem Sand senkrecht gestellt war. Allerdings lag dort auch der Grundwasserspiegel, der „ein weiteres Freilegen des Befundes in dieser Tiefe nicht möglich machte“, so die Archäologen.

Die Pläne für das alte Hertie-Areal hatten Stadt und Tecklenburg bereits vorgestellt: Der Clou an den Planungen ist eine Verbindungsachse zwischen der Fußgängerzone in die Altstadt und dem Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB). Diese Achse führt durch ein offenes Wohn- und Geschäftsquartier mit rund 6500 Quadratmetern Verkaufsfläche und rund 5600 Quadratmetern Wohnfläche. Das Investitionsvolumen soll rund 40 Millionen Euro betragen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung