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Neben dem Knusperhäuschen tobt die wilde Affenbande

Neben dem Knusperhäuschen tobt die wilde Affenbande

Seit fast 60 Jahren lockt der Märchenzoo am Blauen See. Die Besucher erwartet nostalgisches Flair.

Ratingen. „Es waren einmal ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: ,Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!’“ Die ruhige, sonore Stimme dringt etwas dumpf und scheppernd aus dem Lautsprecher, der — vor Wind und Wetter geschützt — unter einem kleinen Schutzdach auf dem Waldboden liegt.

In gut drei Minuten wird das Märchen von Dornröschen erzählt, umrahmt von Hammondorgel-Sound. Der kleine Ian lauscht fasziniert und betrachtet dabei aufmerksam das mit Rosenranken bemalte Holzhäuschen mitten im Wald, in dem kindsgroße Figuren das gerade Gehörte bildlich darstellen. Das Geschnatter und Flügelschlagen der Graugänse nebenan ist plötzlich spannender: Der Zweijährige zieht seinen Papa an der Hand weiter.

Über dem Märchenzoo auf dem Gelände am Blauen See liegt an diesem strahlenden Spätsommermorgen selbst eine zauberhafte Stimmung: Sonnenstrahlen fallen durch die noch voll belaubten Bäume, Vögel zwitschern, immer wieder fallen Eicheln und Bucheckern auf die Wege, wo sie klackend aufplatzen, ein Baumläufer hackt energisch in die Rinde einer mächtigen Eiche. Die Luft riecht würzig nach feuchtem Laub. Nur wenige Besucher finden an diesem Vormittag den Weg in den Märchenzoo, sie können dafür die Stimmung ungestört genießen. Seit fast 60 Jahren lockt die Anlage junge Familien an. Und zahllose Großeltern haben hier schon mit ihren Enkeln die Runden gedreht, den Märchen gelauscht und die oft ungelenken Bewegungen mancher Märchenpuppe belächelt. Der Ratinger Märchenzoo — das sind Kindheitserinnerungen pur.

Ian streichelt inzwischen auf Papas Arm den Esel und das Pony im nächsten Gehege. Aus der Ferne hört man in Bruchstücken die Geschichte von „Rotkäppchen“. Dann machen die Affen lautstark Theater: Thomas Klimmeck-Kohnen ist in ihre „gute Stube“ gekommen, mistet aus und legt Streu nach. Dabei hat er immer ein Auge auf die fünf Rhesus-Affen, die jede seiner Bewegungen verfolgen. „Das ist ein Halbstarker, der macht gerne mal den dicken Mann“, zeigt der Märchenzoobetreiber auf ein stattliches Jungtier. Knapp 100 Tiere sind tagtäglich zu versorgen: Hund, Katze, Hängebauchschweine, Kaninchen, Enten, Gänse, Hähne, Ziegen, Schafe . . . Aber auch die 33 000 Quadratmeter große Anlage braucht ständig eine ordnende Hand. Wenn bald der Laubfall beginnt, ist Klimmeck-Kohnen im Dauereinsatz. Rund 1000 Biotonnen voller Blätter muss er dann vom Gelände schaffen.

Auch die elf Märchenstationen müssen gepflegt werden. Zuletzt haben Hänsel und Gretel einen neuen Anstrich erhalten. Die Steinfiguren haben fast 60 Jahre auf dem Buckel, ebenso die Tontechnik. „Wie die funktioniert, konnte mir noch niemand erklären. Es sollen aber keine Tonbänder sein“, sagt Klimmeck-Kohnen. Er weiß auch gar nicht, wo im Boden die Leitungen verlegt sind. Erstaunlich sei, dass die Technik nach so vielen Jahren noch einwandfrei funktioniere.

Die meisten Besucher mögen übrigens den etwas dumpfen, nuscheligen Erzählton. Ein klarer Digitalsound würde gar nicht ins Ambiente passen. Und das ist auch der Grund, dass jährlich 30 000 Leute die Anlage besuchen — Tendenz steigend.

Auch Promis sind sich nicht zu schade, mit ihren Sprösslingen vorbeizuschauen. Sönke Wortmann mit seinen drei Kindern kam bisher zweimal im Jahr, die Fußballer Klaus Allofs und Giovane Elber waren ebenfalls hier, und auch „Hosen“-Chef Campino schaute schon mit seinen Kindern vorbei.