Ihre Mitarbeiter nennen sie „Mutti“

Ihre Mitarbeiter nennen sie „Mutti“

Anke Schafstall ist Prokuristin bei McDonald’s — eine Aufgabe mit vielen Herausforderungen und viel Verantwortung.

Ratingen. Man nennt sie Mutti. Was so richtig oder falsch ist wie bei der Bundeskanzlerin. In dem Ratinger Fall ist die „Mutti“ Prokuristin in einem Unternehmen mit gut 500 Leuten, um die sie sich kümmert: Anke Schafstall, die Kümmerin, ist die Frau nach dem Chef und, wenn man das mal ein bisschen streng ausdrückt, ist sie an sieben Tagen jeweils 24 Stunden in irgendwelchen Verantwortungen unterwegs. Auf jeden Fall ist das Smartphone im Dienst und klingelbereit.

Immerhin ist sie seit rund 30 Jahren für McDonald‘s auf den Beinen und kennt den Laden aus eigener Erfahrung von der Frittentüte bis zur perspektivischen Eventplanung. 30 Jahre Fleischpads und Softeis, Sonderaktionen und Kindergeburtstage, Mitarbeiterinnen-Leid und wirbelnde Chefs — ihr macht da keiner mehr was vor. Und keiner kann sie mit seiner eigenen Hektik jeck machen.

Vielleicht hat das damit zu tun, dass sie 1957 in durchaus bodenständiger Umgebung in Deutschlands Norden zur Welt kam, als eine von drei Töchtern einer Familie, die in der Landwirtschaft ihren Lebensmittelpunkt hatte. Da wurde wacker geschafft, da hatte vielleicht mal der eine oder die andere ein paar Rosinen im Kopf. Anke auch; heiratete früh, folgte ihrem jungen Ehemann in unsere Gefilde, war mit 17 Jahren schwanger. Das war damals noch ein paar Umdrehungen schwieriger als heute — vor allem, wenn man nicht „die Omma“ gleich nebenan wohnen hat. Da trug dann zu der Zeit die Geburt eines zweiten Kindes nicht unbedingt zum sorgenfreien Wohlbefinden bei, aber zum Mutter-Kind-Familiengefühl.

So früh, wie sie Mutter geworden war, so früh hatte sie auch eine Ausbildung gemacht — als Fotolaborantin. Was allerdings auch nicht der Hit ist, wenn man eine kleine Familie hat. Mit einer neuen Ehe, mit einem dritten Kind packte Anke, die Tapfere, ihr Schicksal bei den Ohren und war überaus glücklich, als sie in die Crew einer Systemgastronomie einstieg und das tat, was sie wollte: arbeiten. Sie fand freundliche Kollegen und eine Flexibilität bei den Arbeitszeiten, die ihr bislang nicht angeboten worden war. (Und die es bis heute gibt).

Erst arbeitete sie für das Burger-Mutterhaus. Unter anderem arrangierte sie Kindergeburtstage — und wer schon nach einem Kinderfest jährlich Schnappatmung bekommt, kann ahnen, was drei Geburtstage pro Tag bedeuten. Anke Schafstall strich auch irgendwann die Segel. Immerhin hatte sie jede Fortbildung genutzt, die die Firma ihr angeboten hatte, war Schichtführerin, Assistentin, Restaurantleiterin geworden.

Sie wechselte zum Team Prünte, dessen „Headquarter“ im Obergeschoss des Breitscheider Restaurants untergebracht ist und wo man mehr Wert auf die Räumlichkeiten legt, mit denen Geld verdient wird, als auf pompöser Repräsentation. Anke Schafstall passte das ins Konzept. Marcus Prünte, der Chef, ist auch jetzt und sofort zu einem großartigen Lob für seine Prokuristin bereit: „Ich glaube, dass ich keinen Menschen kenne — und ich kenne viele — der mit so viel Herz und Leidenschaft seinen Job macht wie sie.“

Spaß am Beruf ist das eine. Umfassende Kenntnisse sind das andere. Und ein ganz persönliches mentales Strickmuster ist das Sahnehäubchen. Diese Frau ist verdammt gut strukturiert, ordnungsliebend, Verfechterin der glatten, geraden Flächen, der hilfreichen Ordnungsliebe und eines sinnbringenden Arbeitsplans.

Und dann geht sie auch noch täglich — ja, täglich — zum Schwimmen. Zu Uhrzeiten, in denen die Welt eher Kaffee braucht als Burger. Dennoch protzt sie nicht mit diesen Qualitäten und predigt anderen Mitmenschen auch keine Besserung.

Wie jeder Kunde es kann, kennt auch Anke Schafstall die Kalorien in den Produkten ihrer Firma. Und sie legt zum Beispiel den Bratklops ins Salatbett.

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