Michel aus Lönneberga treibt Schabernack am Blauen See

Michel aus Lönneberga treibt Schabernack am Blauen See

Eine Frau (23) spielt ab 15. Mai auf der Naturbühne in Ratingen die Hauptfigur und schlüpft in die Rolle des kleinen Michel.

Ratingen. „Wie alt bist Du denn?“ Antwort: „23“. Alle Fettnäpfe dieser Welt laden zum Rutschen ein. „Ich kenne das. Das geht vielen so“, sagt Hannah Rühl. Danke für diesen Brückenbau raus aus der Peinlichkeit.

Das Verschätzen um schlappe sieben Jahre ist indes Voraussetzung dafür, dass die junge Frau die Rolle spielen kann, für die sie Regisseur Ralph Reiniger von Theater Concept engagiert hat. „Die Alternative wäre gewesen, mit Kindern zu arbeiten. Das ist aber schon wegen der gesetzlichen Auflagen schwierig“, sagt Reiniger.

So tobt eben eine 23 Jahre alte Frau, die aussieht wie 16, ab 15. Mai 56-mal als Michel aus Lönneberga über die Naturbühne im Freizeitpark Blauer See in Ratingen. Und dies sei wörtlich zu nehmen, verspricht Reiniger: „In dem Stück gibt’s Aktion ohne Ende, große Unterhaltung und Schauspieler, die bis an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen.“ Die darüber hinausgehen seien bei nächsten Produktion dann nicht mehr dabei. Kein Zweifel — der Mann versteht es, sich und sein Theater ins Licht zu rücken.

Damit der Spaß tatsächlich zwei Stunden anhält, hat er die Bücher von Astrid Lindgren, der Erfinderin des Michel, gelesen und alle Filme angeschaut, derer er habhaft werden konnte. „Daraus habe ich eine Geschichte geschrieben, die Anfang des vorigen Jahrhunderts spielt“, sagt Reiniger.

Christina Agel, Schauspielerin

Als Kulisse dient die Naturbühne, die sich mit ihrem See, den Bergen und der Natur perfekt eigne, so Reiniger. „Hier das doppelte Lottchen zu spielen, würde keinen Sinn machen.“ Quasi als Kulisse vor der Kulisse wird ein Bauernhof aufgebaut, auf dem Enten, Hühner, Schafe und zwei Pferde leben — und mitspielen. Reiniger: „Bis zum Ende der Spielzeit Ende September leben die Tiere auf dem Gelände.“

Die Schauspieler dürfen nach den Vorstellungen immerhin nach Hause — dass aber auch ihre Aufgaben nichts für Warmduscher sind, stellt Christina Agel, die Michels Schwester spielt, klar: „Man muss hier mehr abkönnen als in einem Schauspielhaus. Körperliche Fitness gehört ebenso dazu wie Mittel gegen Insekten.“ All diese Mühen lohnten aber, wenn „1200 Kinder vor Begeisterung quietschen. Wenn eine Pointe zündet, ist das der Wahnsinn“, sagt Agel.

Damit es mit den Lachern an der richtigen Stelle auch klappt, probt die Gruppe vom 15. April an täglich von morgens bis abends. Zum Team gehört auch ein Stuntkoordinator, was Hinweise auf die Waghalsigkeit einzelner Szenen zulässt. So wird Michels Schwester an einem Fahnenmast aufgehängt.

Parallel dazu investiert Theater Concept, das bis 2016 einen Vertrag zum Bespielen der Freiluftbühne hat, in die Infrastruktur. Die Tribünen werden modernisiert, die Gastronomie soll verbessert werden. Eine leichte Form der Refinanzierung betreibt der Veranstalter allerdings über die Preise. Sie steigen von bisher zwölf auf 14 Euro (Kinder) und von 14 auf 16 Euro (Erwachsene).

Den Theaterfiguren würden sich solche marktwirtschaftlichen Zusammenhänge nicht erschließen, denn: „Sie sind von liebenswerter Naivität“, sagt Reiniger. „Deshalb gibt’s auch keinen Bösewicht. Dafür sind sie einfach zu blöd.“

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