„Wölfe auf keinen Fall füttern“

„Wölfe auf keinen Fall füttern“

In Rösrath und Gummersbach wurden zwei einzelne Wölfe nachgewiesen. Katharina Stenglein vom Naturschutzbund (Nabu) ist Luchs- und Wolfsberaterin des Landes NRW.

Obwohl die meisten Deutschen noch keinen Wolf in freier Wildbahn gesehen haben, haben viele Angst vor ihm. Ist das gerechtfertigt?

Foto: Bernd Thissen/dpa

Katharina Stenglein: Ängste kann man oft nicht begründen. Klar ist, dass der Wolf ein Tier ist, das wir hier nicht mehr gewöhnt sind. Und es kommt mit den heutigen Lebensbedingungen sogar gut zurecht. Wölfe nutzen zum Beispiel die menschlichen Wege, weil es für sie praktischer und energiesparender ist, als durchs Unterholz zu laufen. Der normale Wochenendspaziergänger im Wald wird aber wohl in der Regel keinen Wolf zu Gesicht bekommen.

Gibt es hier in der Region Wölfe?

Stenglein: Im Mai wurde ein Wolf in Gummersbach gesichtet und gefilmt. Letztes Jahr ist einer in Rösrath aufgetaucht, der aber wieder nach Niedersachsen (in die Nähe von Cuxhaven) zurückgekehrt ist, weil er hier keine Partnerin gefunden hatte. In Nordrhein-Westfalen gibt es während der Wolfswanderzeiten nur wenige Einzeltiere, da fällt die Partnersuche schwer.

Wo leben die meisten Wölfe?

Stenglein: In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und auch in Bayern. Deutschlandweit soll es Hochrechnungen zufolge etwa 500 Wölfe geben, die in rund 50 Rudeln und als Paare sowie einzeln leben. In NRW dagegen wurde in diesem Jahr bislang sieben Mal ein Wolf gesichtet. Dabei handelte es sich vermutlich um drei verschiedene Tiere.

Aus wie vielen Tieren besteht ein Rudel?

Stenglein: Im Prinzip ist das Wolfsrudel mit einer mensch-lichen Familie vergleichbar. Es besteht aus den Elterntieren — die sich übrigens nach Möglichkeit ein Leben lang treu sind — und ihren ein bis zwei Jahre alten Jungen, den sogenannten Jährlingen, sowie den Welpen, die immer im April/Mai geboren werden. In der Regel sind es fünf bis acht Tiere.

In Griechenland soll eine englische Touristin von einem Wolfsrudel zerfleischt worden sein. Wie gefährlich sind Wölfe für Menschen?

Stenglein: Es gibt dazu eine europaweite Studie namens „Nina“. Demnach sind seit den 50er Jahren in der EU neun Fälle bekannt, in denen Menschen durch Wölfe getötet wurden. In fünf Fällen davon waren die Tiere tollwütig, in den anderen vier Fällen waren sie durch Menschen angefüttert worden und hatten so die natürliche Distanz zum Menschen verloren. Bei dem Fall in Griechenland müssen wir erst die Ermittlungsergebnisse abwarten. Die letzten Wölfe waren dort vor drei bis vier Jahren gesichtet worden. Wahrscheinlicher ist es nach Angaben der Verbände vor Ort, dass ein Rudel wilder Hunde die Frau angegriffen hat. Auch in Deutschland sterben ja jedes Jahr mehrere Menschen durch Hundeattacken. Wildschweine können ebenfalls tödlich sein.

Wie sollte man sich verhalten, wenn man auf einen Wolf trifft?

Stenglein: Man kann das Tier laut ansprechen oder in die Hände klatschen. Man kann sich aber auch ruhig zurückziehen. Man kann auch gerne ein Foto machen und es an den zuständigen Wolfsberater oder das Landesamt für Natur-, Umwelt und Verbraucherschutz schicken, damit das Vorkommen dokumentiert ist. Wichtig ist, Wölfe nicht zu füttern und sie so an Menschen zu gewöhnen.

Wem wird der Wolf gefährlich?

Stenglein: Unter anderem ungeschützten Weidetieren. Für die Landwirte und Tierhalter bedeutet die Rückkehr des Wolfes natürlich eine Umstellung und mehr Aufwand, weswegen sie die Rückkehr häufig skeptischer sehen. Sie brauchen dadurch möglicherweise andere Zäune und/oder zusätzliche Herdenschutzhunde.

Was passiert, wenn ein Wolf ein Schaf oder eine Ziege reißt?

Stenglein: Zunächst einmal ist es natürlich sehr bitter für den Tierhalter. Abgesehen davon, dass wildernde Hunde immer wieder solche Schäden verursachen, ist es dennoch tragisch. Der Landwirt sollte sich dann an den für ihn zuständigen Luchs- und Wolfsberater wenden. Wir Berater begutachten das Rissbild, machen Fotos, nehmen möglicherweise DNA-Proben und schicken alles an das Landesamt für Natur-, Umwelt und Verbraucherschutz. Die Fachleute analysieren das Ganze. Hat tatsächlich ein Wolf das Tier getötet, wird dem Landwirt der entstandene Schaden erstattet. Vorbeugende Maßnahmen wie spezielle Weidezäune werden dagegen bislang nur dann bezuschusst, wenn sich in der Region Wölfe fest angesiedelt haben. Solche territorialen Wölfe gibt es in NRW noch nicht.

Wie alt werden Wölfe im Durchschnitt?

Stenglein: Sie können im Zoo ungefähr 15 Jahre alt werden. In der freien Natur liegt die Lebenserwartung aber nur bei rund sieben Jahren.

Mehr von Westdeutsche Zeitung