Breitensport: Vater-Kind-Turnen bricht mit Rollenklischee

Breitensport : Vater-Kind-Turnen bricht mit Rollenklischee

Jeden Samstag können sich die Teilnehmer austoben. Das Angebot von Mettmann-Sport ist ein voller Erfolg – für beide Seiten.

Es ist Samstagmorgen, kurz vor halb elf. Die Frühaufsteher kommen bereits von ihrer ersten Turnstunde mit den ganz Kleinen – Babys und Kleinkinder bis drei Jahre – aus der Halle. Der Trubel des Schichtwechsels ist in der Halle zu spüren, denn gleich beginnt die Stunde der Papis mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren. Während sich die Väter begrüßen, stürmen die Zwerge bereits in die Halle.

Genügend Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen, fällt vielen berufstätigen Vätern schwer – nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil häufig die Zeit fehlt. Die direkte Bezugsperson für die Kleinen ist in den meisten Fällen daher die Mutter. Um das Rollenklischee aufzubrechen und Vätern die Möglichkeit zu bieten, sich ordentlich mit dem Sprössling auszutoben, lädt Mettmann-Sport zum Vater-Kind-Turnen ein. Das Angebot wird gut und gerne genutzt.

Begrüßungsritual und Laufspiel dienen der Einstimmung

Es herrscht wildes Gewusel, bis Übungsleiterin Carina Bammesberger das Wort ergreift und die Väter mit ihrem Nachwuchs in einem Sitzkreis versammelt: Ein Begrüßungsritual, gefolgt von einem Laufspiel (Feuer, Wasser, Blitz), dient dem Aufwärmen. „Feuer“, ruft Bammesberger – und alle legen sich blitzschnell auf dem Boden. Das Familienoberhaupt liegt bäuchlings auf dem Hallen-Untergrund, während sich der Sohnemann Schutz suchend auf Papas Rücken kuschelt. Sandra Pietschmann ist gerührt: „Ist das nicht ein schönes Bild?“ Die Geschäftsführerin von ME-Sport besucht die Übungsstunde gemeinsam mit Tatiana Ortsis vom Kreis-Integrationszentrum. Verein und Zentrum haben das Angebot gemeinsam ins Leben gerufen, um Väter aller Nationalitäten eine bewegungsfreudige Zeit mit dem Sprössling zu ermöglichen. Sport verbindet, sind sich die Damen einig. Und das zeigt sich auch an den Papis sowie ihren Söhnen und Töchtern.

Nach der Aufwärmphase dürfen sie sich an den verschiedenen Stationen, die in der Halle sind, austoben. Die einen lassen sich, auf einem Rollbrett sitzend, vom Papa quer durch die Halle ziehen, während andere versuchen, mit dem Hockeyschläger gescheit einen kleinen Ball zu treffen. Väter passen sich untereinander den Ball zu. Alle scheinen Spaß zu haben. Besonders auf dem Gesicht der fünfjährigen Charlotte zeichnet sich ein breites Lächeln ab. Sie schwingt freudig an den Ringen, während Papa Sascha Müsse sie in regelmäßigen Abständen anstößt. „Wir kommen seit über zwei Jahren eigentlich regelmäßig. Für uns ist das der Start ins Wochenende“, sagt Müsse. Für Charlotte ist der Samstagvormittag einer der Höhepunkte der Woche. Denn dann, verrät sie, habe sie ihren Papa für sich ganz alleine: „Und es macht Spaß, mit Papa zu spielen.“

Dieser Spaß ist auch dem zweijährigen Elias anzumerken, der mit Hilfe von Papas starken Armen angstfrei am Barren herumturnt. Bruder Darian (4) klettert derweil vergnügt an der Leiter. „Wir haben ein ähnliches Angebot schon in München besucht, wo wir vorher gewohnt haben“, erklärt Vater Umut Kirma. Erst vor Kurzem ist die Familie nach Mettmann gezogen und Kirma nutzt das Sportangebot unter anderem, damit er und seine Kinder Anschluss in der neuen Stadt finden. Das ausgelassene Spielen in der Halle, sagt der Vater, der selbst aus dem Handball kommt, sei wichtig für die Bindung. „So lernen sie Vertrauen in den Papa zu haben, weil sie merken, dass ich da bin und ihnen helfe.“ Für Darian ist das ein echter Motivationsschub und er klettert daraufhin auf der Leiter noch weiter hoch – angstfrei, stolz auf seine eigene Leistung und glücklich, dass Papa ebenfalls stolz auf ihn ist.

„So etwas sieht man nur beim Vater-Kind-Turnen“, bemerkt Pietschmann. „Väter trauen ihren Kindern wesentlich mehr zu.“ Und das, bestätigt Übungsleiterin Bammesberg, sei förderlich für die Entwicklung des Kindes: „Den Kindern bringt diese Turnstunde mit ihren Papas wahnsinnig viel fürs Selbstvertrauen und den Vätern für die Bindung.“

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