Von der Leichtigkeit des Seins in Mettmann Wenn das Leben ein einziger Ponyhof ist

Mettmann · Das Klischee, dass auf dem Ponyhof alles Friede, Freude, Eierkuchen sei, ist langlebig. Was ist dran? Unsere Mitarbeiterin Sandra Grünwald hat auf einer Sinnsuche einen Ponyhof besucht.

Wäre das Leben doch immer so sonnig, idyllisch und leicht wie auf dem Ponyhof. Antonia Pitsch erzählt, wie es wirklich ist.

Wäre das Leben doch immer so sonnig, idyllisch und leicht wie auf dem Ponyhof. Antonia Pitsch erzählt, wie es wirklich ist.

Foto: Köhlen, Stephan (teph)

Wer sich gegen die äußeren Umstände auflehnt, unzufrieden mit den Bedingungen ist oder einfach nur aufbegehrt, bekommt häufig den Spruch zu hören: „Das Leben ist kein Ponyhof!“ Damit soll deutlich gemacht werden, dass das Leben nicht immer ein Vergnügen, beziehungsweise nicht immer leicht ist, ja, dass im Leben eben nicht immer alles so läuft, wie man sich das vorstellt oder wünscht. Ähnliche Redewendungen sind: „Das Leben ist kein Wunschkonzert“ oder „Das Leben ist kein Zuckerschlecken“. Der Ponyhof suggeriert eine ländliche Idylle, in der alles schön und harmonisch und friedlich und unkompliziert abläuft. Woher diese Redewendung kommt, lässt sich kaum noch nachvollziehen.

Variante eins ist musikalisch: Es könnte durch den Album-Titel „Das Leben ist kein Ponyhof“ der Punkband „Die Schröders“ in Umlauf gebracht worden sein. Diesen Ohrwurm nahm mit, wer Serien-Fan ist. Häufig benutzt hat die Floskel Christoph Maria Herbst in „Stromberg“ und sie so im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts populär und bekannt gemacht.

Antonia Pitsch vom Reiterhof Haus Alaquint in Mettmann ist sicher: „Die Redewendung kommt von diesen klassischen Wendy-Geschichten.“ Die heile Mädchenwelt wird in Wendy-Comics, aber auch in älteren Geschichten, wie denen der Zwillinge „Hanni und Nanni“, zelebriert. Und dieses Klischee ist weit verbreitet. „Ich mache auch immer wieder Scherze mit meinen Freunden“, sagt Antonia Pitsch. „Sie sagen dann, du machst dein Leben zum Ponyhof.“ Was das jedoch tatsächlich bedeutet, davon haben die meisten Menschen keine Ahnung.

Denn das Leben auf dem Ponyhof ist vor allem eins: „Harte Arbeit“, weiß Antonia. „Wir fangen um 7 Uhr morgens an. Und wenn es im Sommer heiß ist, fangen wir um 5 Uhr an.“ Das heißt aber nicht, dass nach acht Arbeitsstunden Feierabend ist. „Wir begleiten die Pferde durch schwere Situationen“, erklärt Antonia Pitsch. Das bedeutet, wenn ein Pferd krank ist oder ein Fohlen bekommt, wird es rund um die Uhr betreut.

Vor allem im Frühling haben sich einige Fohlen angemeldet. „Wir schlafen abwechselnd im Stall wegen der Fohlen.“ Dabei kann es schon mal vorkommen, dass ein Fohlen erst nachts um ein Uhr zur Welt kommt. „Dann müssen wir trotzdem morgens um 7 wieder im Stall sein“, denn die Pferde wollen gefüttert und ausgemistet werden.

Familie und Freunde müssen
viel Rücksicht nehmen

Insgesamt 50 Pferde werden derzeit auf dem Pferdehof Haus Alaquint von sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern versorgt und betreut. „Man kann den Beruf nur machen, wenn man eine Leidenschaft für die Tiere hat“, betont sie. Und ein gutes Team gehört ebenfalls dazu. Auch die Familie und Freunde müssen viel Rücksicht nehmen. „Da hat man schon mal eine Verabredung und dann wird ein Pferd krank“, erzählt Antonia Pitsch. Und auch wirklich schlimme Sachen passieren, wie Unfälle. „Oder ein Fohlen wird tot geboren.“ Von heiler Welt und Mädchenidylle ist da nichts zu spüren. Und trotzdem gibt es diese Momente.

„Wenn ein Fohlen einem aus der Box entgegenwiehert“, erzählt Antonia Pitsch. „Das ist beispielsweise so ein Ponyhof-Feeling.“ Kuscheln mit den Fohlen, die Freude der Teilnehmer, wenn auf dem Hof ein Turnier veranstaltet wird, der freundschaftliche Kontakt mit den Kunden und natürlich immer wieder die Pferde. „Die Tiere entschädigen für alles“, sagt Antonia Pitsch. Ursprünglich hatte sie einen ganz anderen Job.

„Ich habe dreimal so viel verdient.“ Trotzdem ist sie nie gerne aufgestanden für ihren Job. Das ist anders seit sie auf dem Reiterhof Haus Alaquint arbeitet. Obwohl das Boxen ausmisten ein Knochenjob ist, sie bei Regen durch den Schlamm watet und abends Heu in den Haaren hängt und Pferdehaare auf der Kleidung kleben, möchte Antonia Pitsch keinen anderen Beruf mehr machen. „Man hat Tage, da flucht man“, gibt sie zu. „Aber es ist trotzdem schön.“

Die Leidenschaft werde im Team geteilt. „Wir machen ja selbst Scherze drüber“, meint sie, „und genießen die Wendy-Momente. Das sind die Momente, für die man es macht.“ Der Ponyhof ist also keine rosarote Welt, ganz im Gegenteil, hier wird hart gearbeitet, es wird gebangt und getrauert, es wird sich gefreut und gelacht. So, wie im ganz normalen Leben. Die Redewendung müsste also geändert werden, denn das Leben ist sehr wohl ein Ponyhof.

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