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Falscher Patient wird in Mettmann enttarnt

Mettmann : Betrüger bestiehlt Patienten im EVK

Ein 55-Jähriger wurde nun zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er sich als kranker Patient ausgab und die Identität eines anderen benutzte.

Der Patient kam als Notfall ins Evangelische Krankenhaus (EVK) in der Gartenstraße. Die Diagnose hatte er gleich selbst gestellt: Irgendwas mit dem Herz. Doch noch bevor sich ein Kardiologe die Sache genauer hatte anschauen können, war Bernd U. (55) schon wieder weg. Allerdings hatte er zwei seiner Mitpatienten um den Inhalt ihrer Geldbörse gebracht. Einem weiteren Patienten hatte er die Telefonkarte gestohlen, um sich den Restbetrag am Automaten auszahlen zu lassen.

Doch damit nicht genug: Als das Krankenhaus die Kosten für die Rundum-Versorgung des Privatpatienten nebst Chefarztbehandlung von dessen Versicherung zurückholen wollte, wurde klar: Der Mann hatte dort unter falschem Namen eingecheckt. Bei der Versicherung kannte ihn niemand. Es folgte eine Anzeige wegen Leistungskreditbetrugs bei der Mettmanner Polizei, wie Pressesprecher Daniel Uebber bestätigt.

Bernd U. war schon seit Jahren mit dieser Masche unterwegs

Dort soll es laut Staatsanwaltschaft auch ein Video geben, dessen Brisanz erst später offenkundig wurde: Eine Überwachungskamera hatte Bernd U. im Sommer 2018 gefilmt, als der sich im Krankenhaus-Foyer das Restguthaben von der gestohlenen Telefonkarte hatte auszahlen lassen. Das „Phantom“ bekam plötzlich ein Gesicht – denn Bernd U. war schon seit Jahren mit dieser Masche unterwegs. Sich unter falschem Namen in Krankenhäuser einliefern lassen und Mitpatienten bestehlen – bei den Ermittlungsbehörden gab es dazu schon eine dicke Akte. Oft las man darin den Namen eines Pensionärs aus Minden.

Bernd U. will diesen in einer Kneipe getroffen und bei ihm übernachtet haben. Irgendwann in dieser Nacht will er nach den Geburtsdaten gesucht und sie gefunden haben. Der Mindener Pensionär hingegen beteuert, den Betrüger nicht zu kennen. Wegen einer chronischen Erkrankung müsse er viel Zeit in Krankenhäusern verbringen - dort könnte der 68-Jährige seinem Doppelgänger begegnet sein.

Im November 2016 hatte der Paketbote zum ersten Mal bei ihm vor der Türe gestanden mit einem Karton, aus dem der Mindener Pensionär ein paar Sportschuhe in Größe 42 auspackt. Kurz darauf findet er eine Rechnung vom Sankt-Elisabeth-Hospital in Gütersloh in seinem Briefkasten, dort soll der mittlerweile 68-Jährige vom Krankenzimmer aus für 90 Euro mit Sex-Hotlines telefoniert haben. Angebliche Krankenhausaufenthalte und Versandhandelsrechnungen: Über die Jahre hinweg sollen so mehrere Zehntausend Euro zusammengekommen sein. Es folgten die Kreditzusage einer Schweizer Bank und Zahlungsaufforderungen von Inkassounternehmen. Irgendwann erklärt die Schufa dem Mindener Pensionär, dass er nun nicht mehr kreditwürdig sei. Der musste derweilen Mahnverfahren stoppen und überall erklären, dass ein anderer seine Identität gestohlen hat: Bernd U. – der nun erst mal vier Jahre in Haft verbringen muss. Dazu hat ihn das Wuppertaler Amtsgericht nun wegen gewerbsmäßigen Betrugs verurteilt.

Die Masche? In den diesmal angeklagten Fällen immer die gleiche. Ins Franziskus Hospital Bielefeld ließ er sich mit dem Rettungswagen chauffieren. Den sollen Passanten gerufen haben, nachdem er auf der Straße vermeintlich bewusstlos zusammengebrochen war. In der Klinik aufgenommen wurde er unter der Identität des Mindener Rentners – privatversichert, die Behandlungskosten solle man ihm in Rechnung stellen. Einzelzimmer? Das müsse dann doch nicht sein, da genüge auch ein Zweibettzimmer. Aber den Chefarzt würde er schon gerne sehen.

Innerhalb weniger Tage folgte der nächste Krankenhausaufenthalt

Nach der Entlassung vier Tage später ging es gleich weiter nach Gütersloh. Wieder im Rettungswagen, auch diesmal ein Notfall. Privatpatient, Zweibettzimmer und der Chefarzt kommt zur Visite. Drei Wochen später dann die Uniklinik in Düsseldorf: Notaufnahme, irgendwas mit dem Herz. Als man sich die Sache dort genauer anschauen wollte, entließ sich der Täter selbst – um kurz darauf mit der gleichen Diagnose, aber diesmal unter anderem Namen – in der nächsten Klinik vorstellig zu werden. Auch dort kam der Chefarzt und rechnete später 700 Euro für seine Dienste ab. Auf der Rechnung standen dazu auch noch 2100 Euro Pflegekosten für fünf Tage auf der Privatstation.

Hätte sich nicht eine Krankenschwester in einem der Krankenhäuser an sein Gesicht und auch daran erinnert, ihn vor drei Jahren schon mal mit kriminellen Absichten auf der Station ertappt zu haben: Die ganze Geschichte wäre wohl noch längst nicht zu Ende erzählt. Die couragierte Frau informierte erst ihren Chef und rief dann die Polizei. Als die schließlich kam, hatte der Simulant bereits die Flucht ergriffen. Seine Tasche jedoch hatte er in der Eile vergessen – und darin fanden die Beamten später nicht nur Fingerabdrücke, sondern auch Rechnungen von Onlineversandhäusern und Versicherungen.

In allen Kliniken hatte sich der „Patient“ nicht nur unter falschem Namen einliefern, sondern sich dorthin auch noch Pakete anliefern lassen. Per Express-Post, es musste ja schnell gehen. Schließlich musste er sich fix wieder entlassen können, bevor der Schwindel aufflog. So drei bis vier Tage würde es dauern, bis bei den Versicherungen die Alarmglocken läuten – das will er so in den AGB’s gelesen haben. Und bis dahin musste er weg sein.

Knochenkrebs, Herzinfarkte und zwei Schlaganfälle? Glaubt man dem psychiatrischen Gutachter, stimmt von den vermeintlichen Diagnosen nichts. Wie sie in den Krankenakten immer weiter fortgeschrieben werden konnten bis hin zur Annahme, der vermeintliche Patient leide an Krebs und seine Tage seien gezählt? All das habe Bernd U. mit simulierten Krankheitssymptomen und Einweisungen in Krankenhäuser selbst vorangetrieben. Untersuchungen seien entweder nicht gemacht worden oder der betrügerische Simulant sei weg gewesen, bevor der Chefarzt zur Tat schreiten konnte. Vom psychiatrischen Gutachter ist dazu zu hören, der Angeklagte leide unter dem Münchhausen-Syndrom (Erfindung körperlicher Beschwerden) und seine „Krankheiten“ müssten für Krankenhausaufenthalte und Betrügereien herhalten.