Erkrath: Endstation Millrath - Was geschah am 27. Januar in der S-Bahn?

Erkrath: Endstation Millrath - Was geschah am 27. Januar in der S-Bahn?

Seit Montag steht ein 25-Jähriger aus Hochdahl wegen Raubes vor dem Landgericht Wuppertal.

Wuppertal/Erkrath. Was ist am 27.Januar dieses Jahres, morgens um 8.10 Uhr, in einem Waggon der S8 passiert, kurz bevor der Zug auf der Fahrt nach Wuppertal in Millrath Halt machte? Eine Frage, die das Landgericht Wuppertal längst zu wissen glaubte, bevor am Montag der Prozess gegen einen 25-jährigen Marokkaner begann.

Nach der Tat an dem Sonntagmorgen hatten mehrere Zeugen bei der Polizei zu Protokoll gegeben, der Angeklagte habe in der S-Bahn Fahrgäste angepöbelt und geschlagen, einem 23-Jährigen das Handy und einem 67 Jahre alten Mann die Geldbörse geraubt. Das Geständnis schien da nur Formsache zu sein.

Ein großer Irrtum. Auf die Frage nach seiner Schuld sagte der Angeklagte: "Ich glaube eher nicht, dass ich das gemacht habe. So ’was habe ich noch nie getan." Er sei zwar schon mal in eine Firma eingebrochen, habe geklaut und im Knast gesessen, körperliche Attacken auf Mitmenschen und Raub seien ihm jedoch fremd.

Obwohl, ganz sicher ist er sich seines Verhaltens nicht - denn da gibt es diese Probleme im Kopf des jungen Mannes, der an der Stahlenhauser Straße in Hochdahl wohnt. "Ich habe manchmal diese Blackouts und erinnere mich nicht. Deshalb bin ich auch zum Jugendamt gegangen, um Hilfe zu bekommen."

Andererseits sei es doch eher unwahrscheinlich, dass er als Täter in Frage komme. Die Tatzeit entspreche seiner Nachtruhe. "Da bin ich nicht unterwegs." Auch die Zeugenangaben, er sei mit einer Flasche Bier in der S-Bahn aufgefallen, seien falsch. "Ich bin ein gläubiger Moslem und würde nie mit Alkohol auf die Straße gehen."

Richter Bertling ließ dieser Ausflug in die Realsatire alles andere als kalt. Er drohte dem Angeklagten damit, die Eltern vorzuladen und zu seinen Schlafgewohnheiten zu befragen. "Und wenn die nicht die Wahrheit sagen, kommt es zur kollektiven Zwangsausweisung der Familie", sagte er. Keine Regung. "Sie sind Sonderschüler und Analphabet - und so benehmen Sie sich auch."

Als auch diese Worte keine Wirkung zeigten, blieb dem Gericht nur das mühsame Befragen der Zeugen. Da war zunächst eines der Opfer, der 67 Jahre alte Mann, der glaubhaft von dem Gerangel zwischen sich und dem Angeklagten erzählte. "Ich habe um Hilfe gerufen. Aber niemand hat geholfen."

Zu denen, die sich am Tattag nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft hart am Rande zur unterlassenen Hilfeleistung bewegt haben, zählt ein 20-Jähriger. Er wurde Zeuge des Übergriffs auf den älteren Mann, ignorierte jedoch dessen Hilferufe.

In einem Brief ans Gericht hat er den Angeklagten als Gewalttäter dargestellt, vor dem er große Angst habe und von dem er sich bedroht fühle. Gestern räumte er ein, diesen Brief nur geschrieben zu haben, um nicht als Zeuge aussagen zu müssen.

Das zweite Opfer, ein 23 Jahre alter Student aus Haan, den der Angeklagte geschlagen und ihm das Handy aus der Hosentasche gezogen haben soll, gab an, die Bierflasche in dessen Hand als Waffe empfunden zu haben. "Ich fühlte mich bedroht."

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

Mehr von Westdeutsche Zeitung