Biennale zieht Publikum in den Bann

Biennale zieht Publikum in den Bann

In Wülfrath wurden zum Auftakt mehrere Stücke gleichzeitig gezeigt. Dazu gab es ein Bürgerdinner.

Wülfrath/Kreis Mettmann. Ein Kampf mit dem Drachen, Wölfe am Kraps Teich, eine tragische Liebesgeschichte am Angerbach: Mit diesen Szenen verzauberten Schauspieler der staatlichen Theaterakademie Bytom aus Polen am Freitagabend ihre Gäste in Wülfrath. Der Angergarten in der Stadtmitte verwandelte sich in ein großes Freilichttheater. Wege und Wiesen des Parks dienten für die „Uferlegenden“ als Bühnen. Gespielt wurde überall gleichzeitig. Mehrere hundert Zuschauer bewegten sich dazwischen — von Szene zu Szene. Darsteller und Musiker kamen hautnah. Es gab die schwungvoll getanzte französische Geschichte „Der Drachen“, akrobatische Wolfsdarsteller am Teichufer und eine magische Rusalka, die ihren Liebhaber ins Wasser zog, in den Tod.

Foto: Dirk Lotze

Mit den „Uferlegenden“ eröffnete das Theaterfestival Neanderland Biennale zum dritten Mal in neuer Gestalt. Dieses Jahr läuft die Reihe bis Ende Juli. Jeweils rund ums Wochenende zeigen die Künstler internationale Inszenierungen in allen Städten des Kreises. Gerade die polnischen Darsteller zogen die Gäste in ihren Bann. Besucher Bernd Hebmüller stellte fest: „Da sind Leute, die trauen sich was, was ich mich nie trauen würde. Die stellen sich dar, machen verrückte Sachen und tanzen.“ Und: „Diese Musik fasziniert mich.“

Die Szenen um Rusalka hatten Darsteller als Spielleute mit zerbrechlichen Folk-Klängen auf Fiedeln begleitet. „Das war cool“, sagte Henry (9). Von seinem Punkt waren gleich zwei Stücke gleichzeitig zu sehen gewesen. Klarer Favorit für ihn: die Drachenlegende. „Verstanden habe ich aber kein Sterbenswörtchen. Das war ja alles auf Französisch.“ Und: „Ich seh fast alle meine Freunde hier.“ Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums hatten als Teil des Theaterabends eine Prozession mit Masken und Figuren ausgerichtet.

Sichtlich Freude hatte Besucherin Diane Dulischewski, die mit Bekannten gekommen war: „Wir haben wirklich Glück — so ein Event in unserer kleinen Stadt. Und wir hatten sofort Anschluss. Meine Tochter geht auf dieselbe Schule.“ Einstimmen konnten sich alle schon vor der Aufführung, beim großen Bürgerdinner. Die Stadt hatte eigens den Parkplatz Am Diek gesperrt und mit 30 langen Tischen eingedeckt. Für das Essen sorgten die Gäste, für die Unterhaltung Musiker, das Jugendtheater der Gruppe Minestrone und Jongleur Herr Jeminé.

Theatermann Heinz-Gerd Küster hatte sich mit Wams und Mütze ausgestattet. Geschichten um Drachen und Helden spielte er den „Mäzenen“ an den Tischen mit ganz eigenen Darstellern vor — mit Quietscheentchen aus dem Badezimmer. Seine Erklärung: „Wir sind von der Theatergruppe ZWAR aus Heiligenhaus. Und wir sind vom Klippentheater, dem Vorlesetheater aus Langenberg.“ Mitstreiterin Hannelore Schmidt hatte sich als Wolf ausstaffiert: mit flauschigem Haarschmuck und sehr, sehr langen Fingernägeln. Ihr Geheul: markerschütternd. Besucher Eberhard Tiso erklärte, sichtlich gut gelaunt über Antipasti und Auberginen-Häppchen: „Hier geht’s Reih’ um mit den Künstlern.“

Gunnar Dörr (45) feierte mit Familie sogar seinen Geburtstag auf dem Platz. Seine Feststellung: „So eine Feier habe ich noch nie gehabt. Gut, dass die ,Uferlegenden’ heute sind.“ Sein Vater Wolfgang fügte hinzu: „Wir haben Chansons gehört und Lieder gesungen und sogar ein kleines, improvisiertes Theaterstück gesehen.“

Die Projektleiterin der Neanderland Biennale, Meike Utke, stellte sichtlich zufrieden fest: „Die Leute sind locker, freundlich, unterhalten sich und haben Spaß an dem Programm, das wir ihnen bieten.“ Das Festival habe bewusst schon am ersten Wochenende auf aufwendige Inszenierungen gesetzt. „Papas Kriege“ hatte Uraufführung in Heiligenhaus. Kommenden Freitag läuft das Stück noch in Hilden, dann bei einer Schulvorstellung Anfang Juli in Erkrath-Hochdahl.

Utke: „Das Tolle daran ist, dass internationale Künstler aus Polen, Frankreich und Deutschland zusammen auf den Bühne stehen, eine Geschichte entwickelt haben, aufgrund der Kriegstagebücher und Feldpostbriefe, die einer der Künstler geerbt hat. Daraus haben sie ein Stück gemacht, das zu 80 Prozent im Heute und Hier ist.“ Es gehe um das Europa der Jetztzeit, um Menschen, Grenzen und Toleranz. Utke fügte hinzu: „Und das geht auf eine humorvolle Art. Das wird grandios.“

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