Wetter-Chaos: Bergmeister bleibt auf WM-Kurs

Motorsport : Bergmeister fährt weiter auf WM-Kurs

Der Langenfelder muss sich beim Sechs-Stunden-Rennen in Spa mit Rang fünf begnügen. Wetter führt Regie

Die Arbeit ist erledigt und Jörg Bergmeister gerade wieder in der Box angekommen, in der sofort Analyse und Aufräumarbeiten beginnen. Besonders glücklich sieht der Langenfelder nicht aus. Jemand bietet ihm eine Flasche Bier an. Bergmeister lehnt ab: „Es gibt eigentlich nichts zu feiern.“ Fünfter ist er zusammen mit dem Norweger Egidio Perfetti und dem US-Amerikaner Patrick Lindsey im Porsche 911 RSR des Teams „Project 1“ aus Lohne in Niedersachsen geworden. Nur Fünfter auf der einen Seite. Wenigstens Fünfter auf der anderen. Im Wetter-Chaos von Spa-Francorchamps (Belgien) zwischen Schneefall, Hagel, Regen und Sonnenschein wäre vielleicht ein Sieg drin gewesen. Einmal halten dafür alle draußen den Atem an, als Perfetti plötzlich in die Streckenbegrenzung rutscht. Auf folgende Sichtweise können sich alle einigen: Weil „Project 1“ nach dem vorletzten Lauf der Langstrecken-Weltmeisterschaft weiter die Gesamtwertung anführt, sieht die Welt halbwegs vernünftig aus. Und zusammen fiebern sie jetzt dem großen Saisonfinale am 15./16. Juni in Frankreich bei den 24 Stunden von Le Mans entgegen.

Schon in den drei freien Trainings müssen die Teams immer wieder auf wechselnde äußere Bedingungen reagieren und vor allem der Regen macht ihnen as Leben schwer. Der dritte Platz aus dem Qualifying lässt dem Project-Porsche immerhin alle Chancen für das Rennen. Leichte Sorgenfalten erzeugt der Blick auf eine der vielen Wetter-Apps: Für die Nacht vorher ist Schneefall angesagt. Und am anderen Morgen ist die Landschaft rund um die Strecke tatsächlich weiß. Auf dem Asphalt des sieben Kilometer langen Kurses hält sich der Schnee nicht, aber es sieht alles verdächtig rutschig aus.

Als die Rennleitung die „Sechs Stunden von Spa“ freigibt, sitzt zunächst Perfetti am Lenkrad des 500 PS starken Dienstwagens. Der Norweger ist im Feld der Klasse LM GTE Am mit der schnellste Fahrer. Anschließend ist Patrick Lindsey an der Reihe – und er kommt als Dritter zum Boxenstopp. Project-1-Teamchef Axel Funke kann mit dem Stand der Dinge leben: „Wir sind zufrieden bis hierhin. Es läuft nach Plan. Jetzt geht Jörg ins Auto.“ Was Porsche-Werksfahrer Bergmeister anschließend erlebt, ist allerdings abenteuerlich.

Der 43-Jährige zeigt nicht nur Routine, sondern auch seine fahrerische Qualität. Jörg Bergmeister ist so schnell, dass er sogar die Kollegen aus der höheren Klasse LM GTE Pro übertrifft. Den Rückstand auf den Führenden seiner Kategorie verkürzt er in jeder Runde deutlich. Aus einst über 30 Sekunden sind vier geworden. Doch der Langenfelder kommt nicht mehr dazu, seine Aufholjagd zu krönen. Seit ein paar Minuten spielt das Wetter wieder verrückt: Aus dem neuen Regen wird ein Schneeschauer, der in Hagel übergeht. Die Rennleitung schickt das Safetycar raus und alle müssen den Kurs im Bummeltempo absolvieren. Der Wechsel von Bergmeister zu Perfetti leitet eine dramatische Schlussphase in.

Auf den Bildschirmen des Teams ist zu sehen, dass der Porsche von der Strecke und in deren Begrenzung rutscht. Wäre der Einschlag ein bisschen stärker gewesen, hätte Project 1 einen herben Rückschlag im Kampf um die Weltmeisterschaft erlebt. Perfetti erklärt später, der Unfall sei von einem Ferrari ausgelöst worden. Der Porsche kann allerdings weitermachen. Er hat „nur“ gut 20 Sekunden sowie eine Position verloren und ist jetzt Fünfter.

Der Schluss-Akkord gehört Jörg Bergmeister, der sich ein klares Ziel gesetzt hat: Die ersten drei Ränge sind zwar weg, aber Platz vier holen wir. Es passiert das Übliche an diesem Tag: Während auf einem Teil der Strecke die Sonne scheint, gibt es anderswo Schnee und Hagel. Jörg Bergmeister tut, was er kann, und ist dem Italiener Francesco Castellacci im Ferrari dicht auf den Fersen. Erneut kommt das Safety Car zum Einsatz, ehe die Rennleitung den Wettbewerb rund 15 Minuten vor Schluss ein letztes Mal freigibt. Als wieder Schnee vom Himmel fällt, sehen die Fahrer die Rote Flagge: Abbruch.

Unter dem Strich weiß Bergmeister nicht so recht, was er vom Resultat halten soll. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, betont der Motorsport-Profi, „wir hatten ein bisschen Pech mit dem Timing. Den Castellaci hätte ich geholt. Ganz sicher. Wir hatten einfach kein Rennglück.“ Ein Trost: Der Project-Porsche liegt mit einem Polster von 23 Punkten unverändert auf dem ersten Platz. Und sowohl die Fahrer als auch das Auto sind absolut konkurrenzfähig. Also kann Le Mans kommen. Weil das für die meisten das größte Motorsport-Ereignis der Welt ist, geht die Arbeit wohl ab sofort erst richtig los.

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