Monheim : Als Kindergärten noch die Ausnahme waren

Vor 50 Jahren besuchte längst nicht jedes Kind eine Tageseinrichtung. Seit Frauen erwerbstätig sind, ist der Betreuungsbedarf deutlich gestiegen und das Eingangsalter auf unter drei Jahren gesunken.

. Vor 50 Jahren war die Stadt Monheim mit Kindertagesstätten noch nicht üppig ausgestattet. Eine der ersten, die entstand, war die Kita an der Prenzlauer Straße, die gerade ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert hat. Sie ist im und mit dem Berliner Viertel entstanden. Und sie war von Anfang an sehr, sehr gut besucht. „Bereits 1969 war die Nachfrage derart groß, dass 120 Kinder am Vor- und Nachmittag in jeweils unterschiedlichen Kindergruppen (4) betreut wurden. Im Jahr 1972 waren es sogar 152 Kinder“, berichtet Andreas Wiemers von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Niederrhein, in dessen Trägerschaft die Kita heute noch ist. Aufgrund des hohen Bedarfs übernahm die Awo 1971 auch die zweite Kita im Berliner Viertel an der Grünauer Straße. Zwei Jahre später eröffnete die Kita an der Grunewaldstraße (evangelisch) und 1978 die Kita St. Johannes an der Friedenauer Straße (katholisch).

Tagesbetreuung im heutigen Sinne gab es damals noch nicht

Üblich waren damals Öffnungszeiten von 8 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr, hebt Simone Feldmann, als Bereichsleiterin der Stadt Monheim für Kitas zuständig, hervor. Es habe keine Tagesbetreuung im heutigen Sinne gegeben, und nur ein Teil der Kinder sei am Nachmittag noch einmal in die Kindergärten, wie die Kitas früher hießen, zurückgekehrt.

Heute ist die Kita an der Prenzlauer Straße für etwa 90 Kinder im Alter von vier Monaten bis zum Schuleintritt durchgehend von 7 bis 16.30 Uhr geöffnet. Als Gaby Fromm 1980 die Leitung der Kita Prenzlauer Straße übernahm, gab es zwei Mitarbeiterinnen pro Gruppe und sie selbst als freigestellte Leitung. 35 Jahre später übergab sie die Führung an Silke Hergl. Da umfasste das Team bereits 18 Mitarbeiterinnen. Während es früher vor allem Halbtagsplätze waren, sind die Zahlen der Ganztagsplätze und damit die Übermittagsbetreuung deutlich angestiegen.

„Auch wenn 50 Jahre einen Wandel nahe legen, ist dieser bei Eltern und Kindern im Berliner Viertel nicht zwingend festzustellen“, blickt die ehemalige Kita-Leiterin Fromm zurück. „Sicherlich hat sich das Spielverhalten durch Mediennutzung im privaten Bereich geändert. Das wirkt sich in der Kita jedoch weniger aus, da hier das Miteinander im Fokus steht. Es geht um Freundschaften und Kommunikation. Das ist im Vergleich zu heute gleich geblieben. Auch die Kleidung hat sich nur dahingehend geändert, dass sie heute bunter, glitzernder und mit modernen Comic-Figuren versehen ist.“ In ihrer Einrichtung habe es schon immer besonderen Förderbedarf vor allem bei der Sprachentwicklung gegeben. „Allerdings haben wir heute als inklusive Einrichtung und durch ,Mo.Ki’ ein sehr gut funktionierendes Fördernetzwerk. Von diesem Wandel profitieren dann tatsächlich alle“, sagt sie.

„Auch wenn alle Bildungsbereiche gleich wichtig sind, haben sich weder die Kinder noch die Prioritäten grundsätzlich geändert. Schwerpunkt in der Kita ist die Sprachförderung, da knapp 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben“, ergänzt Andreas Wiemers. Simone Feldmann stellt das Allgemeinwissen in den Vordergrund. Darüber hinaus erhalten Moki-Kitas eine erhöhte Förderpauschale von der Stadt, um Chancengerechtigkeit schon in der Kita-Zeit zu fördern. „Die ,Mo.Ki’-Familienzentren sind durch einen Verbund von fünf Kitas im Berliner Viertel entstanden. Im Jahr 2018 wurde das Konzept zur Entwicklungs- und Bildungsförderung und intensive Erziehungspartnerschaft mit Eltern in ,Mo.Ki’-Familienzentren weiterentwickelt und auf alle Kitas in Monheim übertragen“, beschreibt sie die ­Entwicklung.

„Auch wenn die Stadt Monheim in früheren Jahren finanziell nicht so gut aufgestellt war wie heute, ist die Zusammenarbeit immer sehr gut gewesen“, hebt Wiemers hervor. Das „­Mo.­Ki“-Konzept sei von Awo und Stadt gemeinsam entwickelt worden. „Heute ermöglicht die Stadt uns als Träger mehr Angebote und Mitarbeiter – zumindest theoretisch, da wir einen Fachkraftmangel haben. Durch die Kibiz-Förderung allein wäre das nicht möglich.“ Auch den Zuschuss für das Mittagessen seitens der Stadt findet er gut. Grund für den Wandel in der Kita-Betreuung sind etliche gesetzliche Änderungen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern und damit auch die Geburtenrate wieder steigern sollten. Seit 1996 gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Kinder ab drei Jahren. Seit 2013 müssen Städte für Kinder von eins bis drei Jahren einen Platz in der Kita oder in der Kindertagespflege bereitstellen.

Die qualitative Verbesserung hat das „Gute-Kita-Gesetz“ im Blick. „Im Zuge der gesetzlichen Veränderungen hat sich der klassische Kindergarten als ergänzende Institution mit einem ausgeprägten Betreuungsauftrag zur Ganztageseinrichtung entwickelt mit einem klaren Bildungsauftrag“, fasst Feldmann den Stand zusammen. In Nordrhein-Westfalen ist der Bildungsauftrag seit 2008 im Kinder-Bildungs-Gesetz (Kibiz) ­verankert.