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Monheim Kunst für fast vier Millionen Euro? Die Stall soll erstmal das Müllproblem lösen, finden Anwohner des Berliner Viertels.

Monheim Berliner Viertel : Bewohner setzen andere Prioritäten

Was sagen eigentlich Bewohner des Berliner Viertels zum dem geplanten Kunstwerk von Alicja Kwande, das die Brandenburger Allee verändern soll?

Die Sitzbänke, die zu einem bequemen Aufenthalt in dem autofreien Grünzug einladen, sind schon da, seitdem die Brandenburger Allee 2010 umgestaltet wurde. Aber, je nachdem, wo sie aufgestellt sind, ist die Kulisse gar nicht so reizvoll: eine Kinderküche, Einzelteile einer einst ausladenden Sitzlandschaft, zerfledderte Kleidung, zerstreutes Plastikspielzeug, eine Kommode, die Schubladen halb herausgezogen, Schuhe, Laminatpaneele….gleich mehrere Sperrmüllhaufen entlang der Brandenburger Allee vermitteln diesen Eindruck von Unordnung und Vernachlässigung – der aber trügt: „Gestern sah es hier noch schlimmer aus, hier hat der Betriebshof heute Morgen Müll weggeräumt“, sagt Peter Weidenbach, der gerade seine beiden Hunde ausführt. Aber die Erfahrung mit dem Sperrmüll sei, dass, wenn das Chaos an einem Tag beseitigt wurde, sich schon am Tag darauf die ersten Schichten des nächsten Müllberges ablagerten, berichtet David Dünnwald. „Man kann hier ja niemanden hin einladen, man muss sich für diese Unordnung schämen“, sagt Marietta (70). Eine Folge beklagt Susanna Engels (33): „Hier gehen überall die Ratten spazieren.“

Das Müll- und Rattenproblem im Berliner Viertel ist etwas, durch das sich viele Bewohner in ihrem Wohnkomfort stark beeinträchtigt fühlen. „Bevor man hier ein Kunstwerk für 3,9 Millionen Euro installiert, gäbe es sicherlich sinnvollere Anlagemöglichkeiten“, sagt Dünnwald (27) auf die Pläne für das Kunstwerk „Blaues Band“ angesprochen. Er nennt dabei solch existenzielle Themen wie die Tafel des SKFM und den Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Und auch, wenn die meisten Befragten einräumen, dass es im Viertel natürlich viele Kinder gebe, die sich über weitere Spielmöglichkeiten freuen würden, heißt es dann: Es gibt ja schon an allen Ecken und Enden im Viertel Spielplätze. Gerome Büler (18), Sahin Chotza (21) und Bilal Elmouden (22) finden gar, dass es „für Jugendliche hier nichts gibt. Wir würden uns bei Regen auch gerne an einem überdachten Ort treffen können“, sagt Sahin. Aus dem Haus der Jugend sei man inzwischen herausgewachsen.

David Dünnheim sorgt sich zudem um die vielen unbeaufsichtigten Kleinkinder, denen das Wasserbecken zum Verhängnis werden könnte. „Im öffentlichen Raum haftet die Stadt“, sagt er. Michael Papamichael wiederum treibt die Sorge um, dass das Kunstwerk mit seinen Wasserspielen so viele auswärtige Gäste anlocken könnte wie der Rheinspielplatz. „Dann ist es hier vorbei mit der Ruhe“, fürchtet er.

Die Stadt plane weiterhin eine Bürgerbeteiligung zu dem Kunstwerk von Alicja Kwande, teilt Bürgermeister Daniel Zimmermann mit und fügt hinzu: „Die Reaktionen aus dem Viertel sind bisher sehr positiv. Viele Anwohner, mit denen ich gesprochen habe, freuen sich auf das Blaue Band.“ Bei der geplanten Bürgerschaftsbeteiligung ginge es allerdings nicht mehr um das Ob, sondern nur das Wie, stellt er klar. Der Künstlerin sei es ein großes Anliegen, von den Bewohnern zu erfahren, welche Erwartungen und Wünsche sie an den öffentlichen Raum haben. Entsprechende Anträge vor allem der CDU zumindest, die auf mehr Kontrollen bei Mülltrennung und -entsorgung (Mülltourismus) durch den KOD zielten, wurden von der Mehrheitspartei Peto stets abschlägig beschieden.

Angesprochen auf die haftungsrechtlichen Probleme gibt sich Zimmermann gelassen. Dass ihm dasselbe Schicksal widerfahren könne, wie dem ehemaligen Bürgermeister von Neukirchen/Knüll, der 2020 der fahrlässigen Tötung wegen Unterlassens in drei Fällen für schuldig gesprochen wurde, nachdem drei Kinder in einem nicht eingezäunten Feuerlöschteich ertrunken waren, schrecke ihn nicht.

Zimmermann hatte bei Bekanntwerden der Pläne für das Kunstwerk argumentiert, dass das Berliner Viertel ein stigmatisierter Raum sei, „der mit vielen Vorurteilen (der nicht dort lebenden Menschen) konfrontiert ist“. Bei der Auflösung dieser Vorurteile solle das Kunstwerk helfen, so Zimmermann. Einige Bewohner zumindest fürchten, dass am Ende nur der Müll in den Becken landet oder dass das Kunstwerk sonst wie Schaden nehmen könnte. „Es gibt immer welche, die aus Frust die Laternen kaputt treten oder die Leuchten einwerfen“, sagt Papamichael. Allein eine schöne Gestaltung habe auf die Zerstörungswut Einzelner wohl keine mäßigende Wirkung. Zimmermann hingegen misst Kunst dieses Potenzial zu: Als Bürgermeister wolle er das Miteinander der Menschen vor Ort, die Gestaltung des öffentlichen Raums und die Lebensqualität in Monheim verbessern. „In dieser Hinsicht verändert die Kunst alles – den öffentlichen Raum, die Menschen und deren Leben.“