Monheim: Die letzten Schulferien

Monheim: Die letzten Schulferien

Michael Schlemminger-Fichtler geht Ende Januar in den Ruhestand. Der 65-Jährige hat viel zu erzählen. Die Erinnerung reicht von der Frankfurter Zeit mit Joschka Fischer bis zum großen Sir Peter Ustinov.

Monheim. "Reibung erzeugt Feuer. Und Feuer ist die wohl größte Errungenschaft der Menschheit." Das sagt Michael Schlemminger-Fichtler. Der 65-Jährige reibt sich gern. "Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann." Diesen Ausspruch des Philosophen Francis Picabia hat der Leiter der Peter-Ustinov-Gesamtschule in seinem Büro hängen.

Seine eigene berufliche Richtung wird sich aber nicht mehr ändern. Heute geht er wie "seine" rund 1.200 Gesamtschüler in die Weihnachtsferien. Nur ist es für ihn das letze Mal. Am 29. Januar wird Michael Schlemminger-Fichtler in den Ruhestand verabschiedet. "Natürlich fällt mir der Abschied schwer. Aber ich werde loslassen", sagt er.

Michael Schlemminger-Fichtler hat die Schule aufgebaut - und 28 Jahre geleitet. "Ein Kulturkampf war das hier anfangs", erinnert er sich. Zwar habe die SPD in Monheim die politische Mehrheit gehabt. Aber ein Großteil der Bürger sei zunächst gegen das Gesamtschul-Modell gewesen. "Das war ein ziemlicher Kampf."

Doch das Kämpfen liegt Michael Schlemminger-Fichtler offensichtlich im Blut. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass der Vater Major bei der Bundeswehr war. Aber ganz sicher hängt es mit seinem Temperament zusammen, das bei den 68ern auf fruchtbaren Boden fiel. Nach Geburt und Grundschulzeit in Bayreuth zog die Offiziersfamilie zunächst nach Nürnberg, dann Frankfurt.

In Hessens Metropole studierte Michael Schlemminger-Fichtler unter anderem Deutsch, Geschichte, Erdkunde, und Philosophie. Mit dem späteren Außenminister Joschka Fischer lauschte er im Hörsaal den großen Geistern Habermas und Adorno. "Ich weiß, was Widerstand gegen die staatliche Ordnung ist", lacht der 65-Jährige.

Eigentlich wollte Michael Schlemminger-Fichtler Kinderarzt werden. Er rutschte mit einem Abi-Schnitt von 2,6 knapp am Numerus clausus vorbei. "Was kommt dem Kinderarzt nah?", fragte er sich. "Lehrer", stand sein beruflicher Weg fest. Vorab fünf Semester Jura sollten ihm später noch bei klagefreudigen Eltern zugute kommen.

Die erste Stelle als Lehrer hatte er an einer Gesamtschule in Oberursel. Die Liebe führte ihn ins Rheinland. Seine Frau stammt aus Düsseldorf. Er schaute sich die Stadt an. "Kurz nach der Autobahnabfahrt Eller sah ich am Kickweg eine Gesamtschule. Ich fragte den Leiter, ob er eine Stelle für mich habe. Er hatte."

Gesamtsschulen waren in NRW noch im Aufbau. Dann kam ein Anruf aus dem Ministerium. Ob er sich vorstellen könne, eine Gesamtschule in Monheim aufzubauen. Er konnte.

Wenn Michael Schlemminger-Fichtler in den Ruhestand geht, blickt er auf eine gut funktionierende Schule zurück. Und doch ist da auch Frust. "Die zwischenmenschliche Wärme und die Vermittlung von Werten in den Elternhäusern lässt immer mehr nach", sagt er. "Und dass eine einzige Schule für alle in der Politik nicht durchsetzbar ist, das ärgert mich maßlos."

Die Zahlen sprechen für den Vollblutpädagogen eine klare Sprache. "75 Prozent meiner Abiturienten hatten von der Grundschule mitbekommen, dass sie nicht geeignet seien fürs Gymnasium. Bekanntlich haben wir das Zentralabitur - die Prüfungsaufgaben sind an Gymnasium und Gesamtschule gleich. Ich kann immer noch nicht fassen, wie Politiker das ignorieren", ärgert er sich. Offensichtlich könne der weitere Weg vieler Kinder nach vier Grundschuljahren noch gar nicht eingeschätzt werden.

Dann schaut Michael Schlemminger-Fichtler auf das Foto von Sir Peter Ustinov. Er schmunzelt beim Blick auf die persönliche Widmung. "Meine Frau war das", lacht er. "Meine Frau hatte die Idee, als wir Ostern 2001 im ZDF eine große Gala zugunsten des 80. Geburtstags von Sir Peter gesehen haben. Sie sagte: ,Du bist doch auf der Suche nach einem Namensgeber für die Schule. Was ist mit ihm?’ Da hat es bei mir Klick! gemacht."

Der Schulleiter hatte nicht locker gelassen. Schließlich ermöglichte Ustinovs Justiziar ein Treffen am Rande eines Opern-Auftrittes in Düsseldorf. "Sir Peter lehnte die Namensgebung vehement ab und sagte: ,Es gibt drei Hauptquellen für Vorurteile. Das sind Familie, Schule und Kirche.’ Er selbst hatte eine schlimme Schulzeit", erzählt Michael Schlemminger-Fichtler.

Monheim war die 150.Schule weltweit, die den großen Schauspieler als Paten haben wollte. Keiner hatte er zugesagt. "Was machst Du anders an Deiner Schule?", habe Ustinov wissen wollen. "Da habe ich den Schwerpunkt unseres Schulprogramms erläutert: Das Zusammenleben der vielen Nationalitäten. Es war geschafft! Ich hatte ihn überzeugt", erinnert sich der Rektor.

Zum 20-jährigen Bestehen 2002 wurde die Schule offiziell nach ihrem Paten benannt. Und Sir Peter Ustinov kam persönlich in die kleine Rheingemeinde. Die Szenen sind unvergesslich. Noch im Rollstuhl hatte er eine schier unglaublich warme Ausstrahlung.

Bei multikulturellen Schülervorführungen im Rahmen der Feierlichkeiten in der Mensa kamen Sir Peter die Tränen. Danach ist er bis zu seinem Tod im Jahre 2004 noch dreimal in Monheim gewesen. "Er wollte halt wissen, wie es seinen Kindern geht", lacht Michael Schlemminger-Fichtler.

Es fehlt noch die Standardfrage: Was wird Michael Schlemminger-Fichtler im Ruhestand machen? "Lesen, viel lesen. Da warten viele Bücher auf mich zu Hause. Und statt einmal die Woche werde ich fünfmal die Woche Tennis spielen - und zwar während der Schulzeit. Und ich werde viel verreisen, natürlich außerhalb der Ferien. Das reicht dann erst einmal", zählt er auf. Dann blickt er auf die Uhr. Die Schulleiterkonferenz wartet.