Le Mans macht Bergmeister zum Weltmeister

Motorsport : Bergmeister wird in Le Mans Weltmeister

Der Motorsportler gewinnt den Titel in der Langstrecken-WM. Und er holt zum zweiten Mal die 24 Stunden.

Die meisten denken wahrscheinlich immer noch, dass es ein Märchen ist. Vor gut einem Jahr sind sie ausgezogen, um die Welt zu erobern – mit vielen Erfahrungen und Erfolgen aus den nationalen Serien Supercup und Carrera-Cup im Rücken. Das Team „Project 1“ aus Lohne in Niedersachsen investiert fürs Abenteuer eine Menge und nimmt als Fahrer einen Top- Profi an Bord. Jörg Bergmeister, seit einer halben Ewigkeit als Porsche-Werksfahrer auf den Strecken dieser Welt zu Hause, stürzt sich sofort mit ganzer Kraft ins kühne Unternehmen. Er fordert viel – vom Team, von sich selbst. Jetzt ist die „Super-Season 2018/2019“ zu Ende. Und sie hat die Erwartungen der meisten weit übertroffen. Bei den 24 Stunden von Le Mans, dem krönenden Abschluss der Saison in der Langstrecken-Weltmeisterschaft, rast Jörg Bergmeister als Zweiter über die Ziellinie. Die Arme kann er nicht hochreißen, weil der 500 PS starke Porsche 911 RSR dazu keinen Platz bietet. Den Jubel müssten sie allerdings selbst in Deutschland gehört haben. Bergmeister, der US-Amerikaner Patrick Lindsey und der Norweger Egidio Perfetti holen im WM-Premierenjahr von „Project 1“ den Titel. Später trifft die Nachricht ein, der siegreiche Ford sei disqualifiziert worden. Daraus folgt: Jörg Bergmeister hat zum zweiten Mal in seiner Karriere die 24 Stunden von Le Mans gewonnen.

Der Ford ist in der technischen Nachprüfung durchgefallen

Als sich Bergmeister kurz nach der Siegerehrung auf die interne Feier vorbereitet, ahnt er davon nichts. „Das ist ein guter Abschluss“, sagt der 43-Jährige mit der für ihn typischen Sachlichkeit. Als er am Tag darauf nach dem Heimflug in Düsseldorf landet, geht es zunächst ebenfalls um die trockene Analyse: „Vom Speed her war der Ford besser und wir nicht schnell genug.“ Die Konkurrenten von „Keating Motorsports“ sind der Amerikaner Ben Keating, der Brasilianer Felipe Fraga und der Niederländer Jeroen Bleekemolen. Deren Leistung erkennt Bergmeister an: „Die sind verdienter Sieger.“ Am Abend kommt die Nachricht: Der Ford sei bei der technischen Nachprüfung durchgefallen. Beim Sachverhalt geht es in der Kurzfassung ums Thema Benzin.

Erstens: Die Tankzeit muss mindestens 45 Sekunden betragen, doch der Keating Ford erreichte nur 44,4 Sekunden – bei jedem der 23 Halts im Verlaufe des Rennens also 0,6 Sekunden weniger und damit in der Summe 13,8 Sekunden. Zusammen mit einer von den Offiziellen verhängten Strafe kamen gut 54 Sekunden zur Rennzeit hinzu – und damit wäre der rund 45 Sekunden später angekommene Project-Porsche bereits auf Rang eins vorgerückt. Das Desaster für Ford ging allerdings weiter, denn beim Tank-Volumen wurden 96,1 Liter gemessen. Erlaubt waren nur genau 96,0. Ergebnis: Disqualifikation. Jörg Bergmeister fühlte auf der einen Seite mit den betroffenen Kollegen/Konkurrenten. „Das ist für die drei extrem ärgerlich und ich hätte lieber auf der Strecke gewonnen“, stellte der Langenfelder fest. Gleichzeitig fand er die Entscheidung korrekt: „Wir wussten alle, wie heikel das Thema Benzin ist. Und Regeln sind einfach dazu da, eingehalten zu werden.“

Die Voraussetzungen in der Meisterschaft sind vor dem Finale klar. Bergmeister lag mit 113 Zählern zwar 23 Punkte vor dem ersten Verfolger. Das Schweizer Team „Spirit of Race“ mit den Italienern Giancarlo Fisichella (früherer Formel-1-Pilot) und Francesco Castellacci sowie dem Schweizer Thomas Flohr etwa hätte aus 90 Zählern 129 machen können – wenn es die 24 Stunden gewinnt (38 Punkte) und zusätzlich im Qualifying vorne liegt (Extrapunkt). Dass Letzteres nicht eintreffen wird, zeichnet sich früh ab. Auf der Strecke, einer 13,626 Kilometer langen Kombination aus Dauer-Rennstrecke und öffentlichen Straßen, ist zudem schnell klar: Der Porsche hat den Ferrari im Griff, Platz vier oder fünf würde reichen. Bergmeister: „Es war klar, dass wir nicht das absolute Risiko nehmen müssen.“

Trotzdem macht sich das Team daran, den sechsten Platz aus dem Zeittraining Stück für Stück zu verbessern. Weil sämtliche Puzzleteile nahezu perfekt an die richtige Stelle finden und alle am Limit arbeiten, geht der Plan auf. „Wir sind größtenteils ohne Probleme durchgekommen“, berichtet Bergmeister.

Für ihn selbst haben sie bei Project 1 das letzte Stück Le Mans aufgehoben – weil sich hier keiner so gut wie Bergmeister auskennt, weil sie vor allem ihm zutrauen, den bei Platz zwei zum Greifen nahen WM-Titel nach Hause zu fahren, weil sie ihm dieses großartige Gefühl der Zielankunft in Le Mans gönnen. In der Endphase macht der Porsche-Profi sogar noch einmal viel Druck auf den gerade von Team-Eigner Ben Keating gesteuerten Ford und kann den Rückstand durch eine starke Leistung auf etwa drei Sekunden drücken.

Dann wechseln sie bei Keating und bringen den Niederländer Jeroen Bleekemolen, der ein Gegner ganz anderen Kalibers ist. Bergmeister weiß, dass er sich mit Rang zwei begnügen und außerdem einen kurzen Tankstopp braucht. Die Devise: Nummer sicher. Es zahlt sich eine halbe Stunde später aus.

Mit dem WM-Titel geht ein Jahr zu Ende, an dessen Beginn viele Fragen standen. „Es gab ein paar Wehwehchen“, findet Bergmeister, „aber das Team hat eine gute Entwicklung genommen. Für mich stand immer fest, dass es kein Lehrjahr für uns gibt. Entweder mache ich etwas richtig – oder ich mache es gar nicht.“ Dass er im Juni 2019 zum ersten Mal in seiner Karriere Weltmeister ist und zum zweiten Mal nach 2004 die 24 Stunden von Le Mans gewonnen hat, hätte er trotzdem in dieser Form nicht für wahrscheinlich gehalten.

Die meisten denken vermutlich sowieso immer noch, dass alles ein wunderschönes, aber nicht reales Märchen ist.

Mehr von Westdeutsche Zeitung