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Langenfeld Monheim Berater erhalten mehr Scheidungsanfragen

Langenfeld/Monheim : Corona ist ein Stresstest für Paare

Ob Beruf, Kinderbetreuung oder Eheleben – die Pandemie hat vieles verändert. Das spüren auch Familientherapeuten in Langenfeld und Monheim.

Wie stabil eine Beziehung wirklich ist, zeigt oft erst das Zusammenleben unter einem Dach. Und das gilt erst recht, wenn es wenige Möglichkeiten gibt, sich aus dem Weg zu gehen – so wie in der Zeit der Corona-Kontaktbeschränkungen, die viele Familien weitgehend in den eigenen vier Wänden hielten und auf sich selbst zurückwarfen.

„Wir nehmen in der Beratung wahr, dass Corona sich wie eine Lupe auf Konflikt-Themen gesetzt hat, die unterschwellig schon vorher mitgeschwungen sind“, sagt Susanne Reslo, systemische Paar- und Familientherapeutin beim Beratungscentrum Monheim. Die Probleme seien nicht anders geworden, hätten aber einfach durch die spezielle Situation mehr Dynamik erfahren. Der Mangel an „Ich-Zeiten“ und Ausweichoptionen wie Treffen mit Freunden oder persönliche Aktivitäten habe die Belastung erhöht.

Vor allem Mütter leiden unter
der Belastung durch Corona

Und dann ist da natürlich die Frage: Wohin mit den Kindern, wenn beide Elternteile im Homeoffice sind und sich zum Beispiel bei der Arbeit am Computer konzentrieren müssen? „Welche Berufstätigkeit hat den höheren Stellenwert? Wer ist für die Familie zuständig und wer investiert mehr? Wie ist das Verhältnis von Geben und Nehmen in der Beziehung? Mit derartigen Themen werde man in der Beratung verstärkt konfrontiert, berichtet Reslos Kollegin Monika Kessner, ebenfalls systemische Familientherapeutin. Zuletzt habe man einen größeren Andrang von völlig erschöpften Müttern auf das Beratungsangebot verzeichnet.

Zwei Paare hätten sich nach Handgreiflichkeiten an die Einrichtung gewandt, sagt Reslo: „Das Besondere daran ist, dass die Partner gemeinsam kamen, um die Vorfälle aufzuarbeiten.“ Das sei eher selten und deute darauf hin, dass es sich in besagten Fällen um gefühlt einmalige Vorkommnisse innerhalb der Beziehung handele.

Wie oft sich innerfamiliäre Konflikte gerade in Corona-Zeiten sogar gewaltsam entladen, beschäftigt die Fachleute seit Monaten – mit durchaus widersprüchlichen Resultaten: Bei der Polizei NRW sank die Zahl der Anzeigen von Anfang März bis Mitte April sogar um mehr als ein Viertel. Dagegen hätten Hilferufe über das Internet an entsprechende Stellen in ganz Europa zugenommen, schreibt zum Beispiel die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Städte Langenfeld und Monheim auf ihrer Internetseite.

Die Einrichtung hat unter dem Stichpunkt „Familienleben + Covid-19“ Antworten auf häufige Bürger-Fragen zusammengestellt, zum Beispiel „Getrennte Eltern – Wie können Sie jetzt den Umgang Ihrer Kinder mit dem anderen Elternteil gestalten?“ Auch letzteres erweise sich bei den Hilfesuchenden oft als zentrales Problem, erklärt Ursula Blass, Leiterin der Beratungsstelle: „Wir haben da oft zwei Pole: Die einen, die ihre Kinder an den getrennt lebenden Elternteil aus Angst vor einer Infektion nicht herausgeben wollen – und die anderen, die ihre eigenen Kinder wegen der Ansteckungsgefahr gar nicht nehmen wollen.“

Viele Telefongespräche kreisten offenbar um dieses Thema, um Lösungen zu finden. Generell sei die Zahl der Anmeldungen in der Corona-Zeit deutlich eingebrochen, durch die Lockerungen aber wieder gestiegen, berichtet Blass. Vermehrte Anfragen habe man besonders im Hinblick auf die Themen Trennung und Scheidung registriert.

Eine andere Frage, die viele Eltern beschäftigt, findet sich ebenfalls auf der Internetseite: „Wie können Sie Ihre Kinder angemessen beim Lernen unterstützen?“ Darunter finden sich Tipps wie „Halten Sie feste Rhythmen ein“, „Üben Sie systematisch“, „Nutzen Sie Bildungsmedien“. „Die Familien haben das zum Teil ganz gut geschafft“, sagt Blass.

Berater geben Tipps für
besseren Familienalltag

Schließlich nimmt die Beratungsstelle in ihrer Online-Präsenz auch Stellung zu der Frage: „Was können wir tun, damit wir einen guten Familienalltag haben?“ Dazu gibt es Anregungen wie zum Beispiel das Schaffen von gewohnten Abläufen, einer Tagesstruktur vom gemeinsamen Frühstück bis zum Spielen.

Vermehrte Fälle von Kindeswohlgefährdung, das betont der Deutsche Kinderschutzbund Langenfeld auf Nachfrage, habe man im Zuge der Corona-Pandemie nicht verzeichnen müssen. Dass der Lockdown auch eine Chance sein kann, betonen schließlich auch die Experten: Der sei für manche Menschen auch mit Entschleunigung und mehr Ruhe verbunden gewesen, sagt Susanne Reslo.

„Viele Eltern berichten auch davon“, ergänzt Ursula Blass, „dass sie diese Phase durchaus als schön empfunden haben, weil sie einfach mehr Zeit miteinander verbringen konnten.“