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Expertin: „Ein Burnout kann jeden treffen“

Expertin: „Ein Burnout kann jeden treffen“

Dorothee Jung über Ursachen, Warnzeichen und erste Schritte bei Burnout.

Vor lauter Arbeit neige ich dazu, meine „Mittagspause“ bis in den frühen Abend zu verschieben. Geht bei Ihnen als Burnout-Expertin da schon die Alarmanlage an?

Dorothee Jung: Meine Frage ist, ob es Ihnen langfristig gut damit gehen wird: Wollen Sie das? Kommen Sie grundsätzlich auch wieder zur Ruhe und Entspannung? Sind Sie zufrieden mit Ihrer Leistung und ihrer Arbeitsumgebung? Oder ist es ein „Raubbau“ an Ihren eigenen Ressourcen?

Verstehe. Das späte Essen allein macht noch kein gesteigertes Burnout-Risiko. Was sind denn typische schleichende Anzeichen?

Jung: „Schleichend“ trifft es sehr gut: Das Abdriften in eine Burnout-Erkrankung ist wie eine Waage, die langsam aus dem Gleichgewicht gerät, so dass man es kaum merkt. Anfangs treten nur einzelne Warnhinweise auf, meist kommen im Laufe der Zeit mehr und mehr hinzu.

Was?

Jung: Betroffene berichten, dass sie zu nichts mehr Lust haben, keine Ideen mehr haben, permanent müde sind, schlecht schlafen, sich passiv fühlen, nicht mehr lachen sondern zunehmend zynisch werden und sich zurückziehen aus ihrem persönlichen Umfeld. Sie fühlen sich häufig überfordert, gereizt, leiden unter Stimmungsschwankungen, zweifeln an sich selbst, fühlen sich schuldig, erleben Vieles als sinnlos und hoffnungslos. Das Leben ist für sie anstrengend und schwer, sie können sich nicht mehr entspannen und würden sich am liebsten verkriechen. Betroffene haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, vergessen häufiger Dinge, halten Zusagen nicht mehr ein. Sie möchten viel auf einmal schaffen, doch haben den Eindruck, es gehe nicht richtig voran. Hinzu kommt Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung und nicht selten das Gefühl zu versagen.

Und körperlich — wie leiden die Betroffenen in dieser Hinsicht?

Jung: Nicht selten an Kopfschmerzen, Magen- oder Darmbeschwerden, aber auch an Herzrasen oder Panikattacken. Die Betroffenen werden häufig krank und kommen nicht richtig wieder auf die Beine. Hier ruft die Seele um Hilfe. Der mögliche Verlauf ist bei jedem Menschen anders. Daher hilft nur: Wachsam sein!

Welche Konstellationen im Alltag begünstigen Burnout?

Jung: Negativ erlebter Stress ist einer der Hauptursachen. Stress entsteht beispielsweise durch hohe Anforderungen, die von außen gestellt werden: Überforderung, Arbeitsüberlastung, Soziale Überlastung und Erfolgsdruck — nicht nur im Beruf, sondern auch im privaten Umfeld. Je mehr von diesem als negativ erlebtem Stress verschiedene Lebensbereiche trifft — ohne den notwendigen Ausgleich —, desto höher das Risiko, aus der Balance zu kommen.

Gibt es in puncto Alter oder geschlecht den typischen Burnout-Kranken?

Jung: Prinzipiell kann es jeden treffen. Auffällig in der Statistik sind aber bestimmte Berufsgruppen, insbesondere die sozialen Berufe sind hier ganz vorne dabei. Selten erwähnt wird jedoch: Auch Mütter erkranken an Burnout. Zunehmend sind Jugendliche und sogar Kinder betroffen, die hohen Stress erleben. Mein Unternehmerkollege Alexander Bülles bietet nicht zufällig inzwischen Stresspräventionskurse für Kinder und Jugendliche an. Diese gesellschaftliche Entwicklung finde ich persönlich alarmierend.

Manche Skeptiker nennen Burnout eine „Modekrankheit“. Was sagt die Expertin dazu?

Jung: Burnout ist ein Überbegriff für unterschiedliche Krisen- und Krankheitsbilder. Ich kenne zahlreiche Menschen, die Burnout-Symptome haben und für sich einen Weg finden wollen, den Leidensdruck abzuwerfen. Mode ist in meinem Verständnis etwas Schickes, das man haben möchte, um dazu zu gehören. Im Zusammenhang mit Burnout kommt es mir geradezu höhnisch vor, von „Mode“ zu sprechen. Insbesondere mit Blick auf die Extreme: Wir sprechen hier immerhin davon, dass Menschen trotz psychologischer Behandlung teils dauerhaft berufsunfähig bleiben, ein hohes Rückfallrisiko haben oder sich sogar wegen ihrer Burnout-Erkrankung selbst umbringen. Nicht ernst genommen zu werden macht es für die Betroffenen nur einsamer und schlimmer.

Was soll man tun, wenn man Anzeichen von chronischer Überforderung an sich entdeckt?

Jung: Chronische Überforderung heißt ja, dass es scheinbar kein Zurück mehr gibt und das „Zu viel“ Dauerzustand ist. Es ist also normalerweise keine langfristige Lösung, ein paar Tage Auszeit zu nehmen. Liegt eine fortgeschrittene Burnout-erschöpfung vor, dann wird der Energielevel nach diesen Tagen nicht markant und schon gar nicht nachhaltig gestiegen sein. Ich empfehle dringend: Innehalten! Hilfe suchen! Setzen Sie sich selbst auf Priorität 1 und kümmern Sie sich um sich selbst.

Wie kann man Burnout verhindern?

Jung: Jeder kann bei sich selbst anfangen und ein waches Auge auf sich haben. Was sind die eigenen Bedürfnisse? Was treibt mich an? Wann ist es genug? Darf ich nein sagen? Wie gehe ich mit Konflikten um? Welche Entscheidungen sollte ich treffen? Bin ich bereit, die Konsequenzen zu tragen? Wohin führt mich mein Weg, mit Weitblick betrachtet? Die bewusste Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit ist hier wichtig.

Und in Sachen Stress?

Jung: Es gilt, die eigene Stresskompetenz auszubauen: Dazu gehören das bewusste Grenzensetzen, ein angemessenes Ziel- und Zeitmanagement, ebenso mentale Aspekte wie das Hinterfragen der eigenen Bewertungen. Es gilt Stressverstärker — wo möglich — zu erkennen und zu entschärfen. Prävention heißt auch, eine hohe Aufmerksamkeit auf Regeneration zu legen.

Wie ist es mit Sport?

Jung: Auf die eigene körperliche und seelische Gesundheit zu achten ist natürlich wichtig. Dazu gehören Sport, Bewegung, Tageslicht, gute Ernährung, mit und nicht gegen den eigenen Biorhythmus arbeiten. Machen Sie zum Ausgleich, was Ihnen Spaß macht und Ihre Akkus auflädt. Und vor allem: Vernachlässigen Sie nicht ihre Familie oder Ihre Freunde!

Was können Angehörige, Freunde, Kollegen tun, wenn Sie bei jemandem Anzeichen von Burnout entdecken?

Jung: Zunächst einmal: Sie brauchen kein Experte zu sein, um solche Anzeichen auszumachen. Schauen Sie dem Betroffenen einmal genau in die Augen: Funkelt da Energie? Oder wirkt der Blick eher müde, resigniert, verzweifelt, einsam, gar leer? Deshalb: Seien Sie aufmerksam, schauen Sie hin, nehmen Sie sich Zeit, suchen Sie das Gespräch, fragen Sie nach, hören Sie zu, bieten Sie Begleitung und organisatorische Unterstützung an, etwa beim Aufsuchen eines Arztes oder Therapeuten.

Könnte aber auch als aufdringlich verstanden werden?

Jung: Damit muss man rechnen. Das Tückische an Burnout ist ja, dass sich Menschen zunehmend sozial zurückziehen und nicht mehr gut ansprechbar sind. Daher kann es sein, dass Sie abgewiesen werden, manchmal sogar mit einem leichten Lächeln: „Nein, es ist alles gut. Wirklich!“ Aber: Vertrauen Sie auf ihr Bauchgefühl. Und vielleicht bleiben Sie einfach dran, auch auf die Gefahr hin, dass es Krach gibt. Denn einige Menschen sehen erst rückblickend, was los war, und sind dann sehr froh, dass sie nicht alleine gelassen wurden.

An welche „Profis“ sollten Betroffene sich wenden?

Jung: Wer klare Zeichen einer fortgeschrittenem Burnout-Erkrankung beobachtet, sollte sich direkt an seinen Hausarzt wenden. Ich empfehle, eine vertraute Bezugsperson mitzunehmen, um über weiterführende Maßnahmen zu besprechen. Der Anruf bei der Krankenkasse, die zahlreichen Anrufe bei den Therapeuten, um einen passenden Ansprechpartner und einen Termin zu erhalten, das ist schon für einen in sich ausbalancierten Menschen zeitraubend, manchmal anstrengend und mühsam — für einen Menschen mit Burnout ist das ein schwer zu erklimmender Berg.

Und Ihre Arbeit als Coach und Berater von Burnout-Gefährdeten — wie sieht diese aus?

Jung: In meiner Arbeit steht die Prävention, insbesondere die Aufklärung, Sensibilisierung und Erweiterung der verfügbaren Handlungsstrategien, die Fokussierung auf Energiequellen und Entschärfung von Stress im Vordergrund. Ich arbeite hauptsächlich mit selbstständigen Unternehmern, viele davon aus dem Handwerk. „Burnout? Das betrifft mich doch nicht!“ ist hier nicht selten die Devise. Grundsätzlich arbeite ich daher ziel- und umsetzungsorientiert: Wo ist Leidensdruck? Wie soll es anders sein? Wie komme ich dahin?