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„Burnout ist eine Modediagnose — keine im psychiatrischen Sinn“

„Burnout ist eine Modediagnose — keine im psychiatrischen Sinn“

Jutta Muyers ist die neue Ärztliche Direktorin der Psychiatrischen Klinik in Langenfeld. Mit der WZ sprach sie über seelische Erkrankungen und den Umgang damit.

Langenfeld. Sieben Jahre lang hat Jutta Muysers die Langenfelder Fachklinik kommissarisch und stellvertretend geleitet, jetzt übernahm sie offiziell die Führung.

Frau Muysers, wir alle haben Stress bei der Arbeit, müssen Abgabetermine einhalten und aufpassen, dass auch das Private nicht zu kurz kommt. Sind wir alle burnoutgefährdet?

Jutta Muysers: Wir sitzen hier, sind ganz offensichtlich arbeitsfähig. Wir haben vermutlich keinen Burnout. Um diese Frage aber überhaupt zu beantworten, muss man erst mal klären, was unter dem Begriff „Burnout“ verstanden wird. Es meint einen Zustand, in dem die Menschen überlastet sind. Eine Diagnose im psychiatrischen Sinne ist es aber gar nicht. Es ist vielmehr eine Modediagnose, hinter der sich ganz viel verbergen kann.

Nämlich was?

Muysers: Wahrscheinlich ist ein Teil der Menschen, die unter der Überlastung leiden, wirklich psychisch krank, hat eine Depression oder Ähnliches. Der andere Teil aber sind Menschen, die es einfach nicht schaffen, in unserer heutigen immer komplexer werdenden Welt zurechtzukommen.

Inwiefern?

Muysers: Sie schaffen es nicht, ein Ende bei der Arbeit zu finden, Aufgaben abzugeben und zu entscheiden, wann wirklich Feierabend ist. Viele Leute bekommen diese Distanz nicht hin, weil sie dann abends doch noch mal ihre Mails abrufen. Das ist aber das, was man sich selbst organisieren kann — und da gibt es Tricks, wie man das lernen kann. Anderenfalls kann daraus auch eine psychische Erkrankung werden.

Woran merke ich denn selbst, dass ich überlastet bin?

Muysers: Wenn man seinen Arbeitstag nicht mehr schafft, schlecht schläft, zu viel raucht, zu viel trinkt, zu viel oder zu wenig isst — einfach Anzeichen von schweren Beeinträchtigungen an sich bemerkt. Dann kann man sehr wohl einen Psychiater aufsuchen, um ein orientierendes Gespräch zu führen. Denn wenn die Psyche betroffen ist, ist es immer schwer für einen selbst herauszufinden, was es letztendlich ist, das einem zusetzt.

Wie kann ich mir helfen lassen?

Muysers: Vielleicht kann eine Beratung helfen, wie der Alltag besser strukturiert werden kann. Oder es wird erkannt, dass eine depressive Erkrankung oder eine andere psychische Störung vorliegt, die behandelt werden sollte.

Spüren Sie die Auswirkungen dieser „Modediagnose“ im Klinikalltag?

Muysers: Wir haben im Moment den Eindruck, dass mehr Menschen in Lebenskrisen zu uns kommen. Vielleicht nicht unbedingt mit Burnout, aber mit ganz aktuellen Problemen: Arbeit verloren, Beziehung kaputt. Und dann stehen diese Menschen abends bei uns vor der Tür und lassen sich aufnehmen. Das haben wir in der Menge früher nicht so gehabt.

Woran liegt das?

Muysers: Ich kann das nicht mit Sicherheit erklären. Es könnte aber zum einen daran liegen, dass wir als Psychiatrie sehr geworben haben, nicht ausgegrenzt zu werden. So dass die Schwelle, eine Psychiatrie aufzusuchen, gesunken ist.

Zum anderen?

Muysers: Heute gibt es die Tendenz, dass Menschen negative Zustände schnell beseitigen wollen. Ein Beispiel: Dass man sich nach einer Trennung einige Wochen schlecht fühlt, ist ja eigentlich normal. Immer mehr Menschen wollen aber, dass dieses Gefühl schnell wieder weg ist.

Und das war früher nicht so?

Muysers: Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber wir haben früher solche Menschen hier seltener gesehen.

Hängt es mit geänderten Rahmenbedingungen zusammen?

Muysers: Es werden heute Dinge vielleicht schwerer aushaltbar. Früher hätte doch jeder Arbeitgeber beim Tod vom Vater oder der Mutter gesagt: „Bleib mal eine Woche zu Hause, wein’ dich mal aus, und dann komm’ wieder.“ Das geht heute gar nicht mehr so einfach. Jeder wird gebraucht — der noch Arbeit hat. Und jeder fühlt sich verpflichtet.