1. NRW
  2. Kreis Mettmann
  3. Langenfeld und Monheim

15 Stolpersteine erinnern in Langenfeld an Holocaust-Opfer

Langenfeld : 15 Stolpersteine halten die Erinnerung wach

Der ehemalige Schulleiter Günter Schmitz erforscht jüdische Schicksale in Langenfeld. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern ihr Leben.

15 Stolpersteine mahnen an sechs Stellen in der Stadt Spaziergänger zum Innehalten. Sie erinnern an jüdische Langenfelder, die während der nationalsozialistischen Diktatur den Holocaust nicht überlebt haben. Wie andernorts hat der Kölner Künstler Gunter Demnig an der letzten Wohnadresse dieser NS-Opfer die von ihm geschaffenen Messingtäfelchen mit Namen und Lebensdaten jedes einzelnen Menschen in den Boden gesetzt. Mit der so genannten Reichspogromnacht vor 81 Jahren hatte die gegen Juden gerichtete Barbarei begonnen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in ganz Deutschland Synagogen zerstört und gab es Gewalt gegen Juden; auch in Langenfeld.

Der Lokalhistoriker Günter Schmitz (80) erforscht seit Jahrzehnten die Geschichte der Juden in Langenfeld, Monheim und Hitdorf. Nach seinen Angaben war für die Gewalttäter der Reichspogromnacht in Langenfeld das erste Ziel der Laden „Gebrüder Meyer“. Das Haus befand sich dort, wo heute an der Hauptstraße 133 die Stadthalle steht. Sturmführer F., Stuckateur M. und mehrere SS-Führer waren aktiv dabei. Mit etlichen weiteren Langenfeldern verwüsteten sie die Wohnräume der etwa 30 damals in Langenfeld lebenden Juden, die in jener Nacht auch Schlägen und Plünderungen ausgesetzt waren. Die Gewalttäter setzten an der mittleren Hauptstraße die Synagoge in Brand und schändeten den jüdischen Friedhof in Richrath.

Geschichtsforscher Schmitz sind viele Erkenntnisse zu den 15 Menschen zu verdanken, zu deren Gedenken die Stolpersteine an sechs Adressen mahnen.

Hauptstraße 133

In seinem Elternhaus führte Bernhard Meyer (*1882) mit seinem Stiefbruder Max das Ladengeschäft „Gebrüder Meyer“. Mit seiner Frau, Emmy Meyer (*1883), hatte er zwei Töchter: Erika (*1925, emigrierte mit Kinder-Reisepass 1938 in die USA und überlebte den Holocaust) sowie Helga Meyer (*1931). Am 10. Dezember 1941 wurden die Eltern mit ihrer jüngeren Tochter nach Riga deportiert. Dort verliert sich die Spur des Vaters. Mutter und Tochter kamen am 9. August 1944 ins KZ Stutthof, wo Emmy Meyer am 5. Januar 1945 starb. Helga gilt als in Stutthof verschollen. Max (*1874 bis 1955) und Rosa Rebekka Meyer (*1881) hatten drei Kinder. Tochter Alice (*1910 bis 1993) und Sohn Ernst Siegfried (*1914 bis 1994) wanderten 1937 in die USA aus. Die jüngere Tochter, Edith Meyer (*1920), wurde am 11. Dezember 1941 ins Ghetto von Riga deportiert. Ihr nicht-jüdischer Bräutigam Heinrich Heinen befreite sie dort im April 1942. Zwei Monate später wurde das Paar beim Fluchtversuch an der österreichisch-schweizerischen Grenze erwischt und inhaftiert. Heinen brach mit anderen Häftlingen aus und wurde Tage später nach einem vergeblichen Befreiungsversuch erschossen. Edith wurde am 9. Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Ihre Eltern waren am 25. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert worden. Dort starb Rosa Rebekka Meyer am 17. April 1943 den Hungertod. Ehemann Max überlebte die Qualen und kehrte nach dem Krieg nach Langenfeld zurück.

Hauptstraße 15

Dort, wo heute das Amtsgericht ist, stand das Elternhaus des Kaufmanns Karl Meyer (*1902). Etwa 1935 musste er seinen Dekorationsladen schließen, nachdem die Sparkasse Langenfeld den Meyerschen Besitz ersteigert hatte – und die ehemaligen Geschäftsräume für die eigenen Zwecke umbaute. Meyer wurde am 7. Dezember 1941 nach Riga deportiert, von dort am 9. August 1944 ins KZ Stutthof und am 8. September 1944 ins KZ Buchenwald gebracht. Dort starb er am 3. März 1945.

Ganspohler Straße 13

Viehhändler Albert Salomon (*1884) war im Ersten Weltkrieg mit dem Ehrenkreuz für Frontkämpfer ausgezeichnet worden und in vielen Vereinen aktiv. Seine Frau Rosa ließ sich nach zehnjähriger Ehe 1923 scheiden, zog mit den beiden Kindern an die Havel. Bei dem in der Reichspogromnacht misshandelten und ausgeplünderten Salomon wurden am 18. September 1939 einige der in Langenfeld verbliebenen Juden einquartiert, so dass dieses Gebäude an der Ganspohler Straße 3 offiziell „Judenhaus“ genannt wurde. Salomon wurde am 10. Dezember 1941 nach Riga deportiert, wo sich seine Spur verliert.

Bahnstraße 8

Die Witwe Sophie Salomon (*1863) wohnte mit ihrem Sohn, Viehhändler Albert Salomon (*1889), Schwiegertochter Irene Regina Salomon (*1893) und Enkelsohn Herbert Salomon (*1921) im eigenen Haus, das heute noch dort steht. Albert Salomon wurde am 11. Dezember 1941 nach Riga deportiert, sein Todesdatum ist nicht bekannt. Sophie Salomon starb nach ihrer Deportation (25. Juli 1942) ins Ghetto Theresienstadt dort am 13. Februar 1943. Irene Regina Salomon wurde 1939 geschieden, in Tours (Frankreich) von der Gestapo festgenommen und am 13. November 1942 in Auschwitz ermordet. Wann Herbert Salomon Langenfeld verließ, ist nicht
bekannt. Das südfranzösische Venanson war sein letzter Wohnort (deshalb für ihn kein Stolperstein in Langenfeld) vor der Deportation nach Auschwitz – vermutlich im Dezember 1943. Von dort wurde Herbert Salomon am 26. Januar 1945 (einen Tag vor Befreiung des Lagers) ins KZ Buchenwald gebracht, wo er am 14. März 1945 starb. Ebenfalls an der Bahnstraße 8 wohnte Sophie Salomons Neffe, der Metzger Jakob Schmitz (*1877). Er wurde am 11. Dezember 1941 nach Riga deportiert, wo er an einem nicht bekannten Datum starb.

Berghausener Straße 7

Der Weber Wilhelm Herz (*1872) und seine Frau Lina Herz (*1872) wurden in der Reichspogromnacht misshandelt, ihre Wohnung im eigenen Haus verwüstet. Zusammen mit ihrer Mieterin Amalie Meyer (*1870) wurden die Eheleute Herz am 25. Juli 1942 erst nach Theresienstadt und am 26. September 1942 nach Treblinka deportiert. Wann beide starben, ist nicht bekannt. Gleiches gilt für die verwitwete dreifache Mutter Amalie Meyer, die fünf Tage zuvor nach Treblinka gebracht worden war.

Grenzstraße 23

Als jüngste Tochter einer Großfamilie mit elf Kindern hatte Mina Berg (*1866) ihre Mutter bis zu deren Tod gepflegt, danach 1897 den Klempner Wilhelm Jakob Berg geheiratet. Der Ehemann fiel im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat in Russland. Die drei Töchter und drei Söhne musste die ungelernte Mina Berg allein durchbringen. Bei Familienfeiern mit ihnen und den Enkeln war sie gerne dabei, zeigen Fotos. Mit einer Schwester und einer Schwägerin wurde Mina Berg am 25. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 20. Januar 1943 starb. Bei den aktuellen Bauarbeiten an der Grenzstraße 23 wurde der Stolperstein beschädigt und vorübergehend entfernt. Laut Rathaussprecher Andreas Voss wird er erneuert. „Gunter Demnig will dies selbst machen.“