Kreis Mettmann/Wülfrath: Zuwendung als neuer Beruf

Kreis Mettmann/Wülfrath: Zuwendung als neuer Beruf

Helga Gassmann war lange arbeitslos. Seit März arbeitet sie im Wülfrather Pflegeheim Haus-Otto-Ohl.

Wülfrath. Wegen der Liebe ist Helga Gassmann nach Wuppertal gezogen. Das war 2005. Wo sie nach dem Umzug arbeiten könnte - darüber hat sie sich damals keine Gedanken gemacht.

Über drei Jahre ist Helga Gassman arbeitslos. "Langzeitarbeitslos", sagt sie. Dann aber hört die 59-Jährige von einem Projekt der Bundesagentur für Arbeit (BA) Wuppertal. Die BA vermittelt Erwerbslose an Alten- oder Pflegeheime in der Umgebung.

Dort sollen sie als Betreuungsassistenten mit Demenzkranken arbeiten. Der Beruf ist neu. Geschaffen, um Pflegekräfte zu entlasten. Gassmann ist auf Anhieb überzeugt - sie will den Job.

Doch bevor es losgehen kann, muss sie beweisen, dass sie das nötige Rüstzeug mitbringt. Ein einwöchiges Praktikum ist der erste Schritt. "Das hat mich in meiner Entscheidung bestätigt", sagt sie. Blauäugig nämlich hätte sie den Beschluss nicht gefasst.

"Ich bin in mich gegangen und habe mich gefragt, ob das tatsächlich etwas für mich ist." Auch im Assessment Center der BA schneidet Helga Gassmann gut ab. Dort muss sie unter anderem beweisen, dass sie das nötige Einfühlungvermögen für eine Arbeit mit Demenzkranken mitbringt - ebenso im Gespräch mit einem Psychologen.

Am Ende steht eine Schulung im Bildungszentrum der Bergischen Diakonie. Dort lernt Helga Gassmann, worauf es ankommt bei der Arbeit mit den Pflegebedürftigen: Die Kommunikation, die nicht immer verbal sein muss. Sein Gegenüber wertschätzen. Authentisch zu sein. Sich einzufühlen. "Demenzkranke sind sehr sensibel", erklärt Schulungsleiter Stefan Wilde. "Gibt man sich anders, als man ist, merken sie das sofort."

Helga Gassmann lernt viel in diesen Tagen. Am Ende steht ein zweiter Test. Für die 59-Jährige und ihre Mitstreiter eine ungewöhnliche Situation. Seit Jahren mussten sie sich nicht prüfen lassen.

Doch Helga Gassmann packt auch diese Hürde und besteht. Die Note, die anschließend auf dem Zertifikat steht, ist ihr nicht wichtig. Sie hat die Punktzahl fast schon vergessen. Erst nach längerem Nachdenken, fällt ihr die Note wieder ein. "Das war eine 1,4", sagt sie und strahlt.

Durch das harte Auswahlverfahren hat Gassmann neues Selbstbewusstsein bekommen und endlich auch die ersehnte Arbeitsstelle. Seit März arbeitet sie im Wülfrather Altenheim "Haus-Otto-Ohl" der Bergischen Diakonie - Vollzeit für 1500 Euro brutto.

Sie übernimmt jene Betreuungsaufgaben, für die den Pflegekräften die Zeit fehlt. Dem einen Bewohner liest sie vor, mit dem anderen dreht sie im Rollstuhl eine Runde durch den Park. "Manchmal sitze ich einfach neben dem Bett und halte einer alten Dame die Hand", erzählt Helga Gassmann.

Manchmal suche sie aber auch das Gespräch. Dann taucht sie ein in die Vergangenheit der Menschen, die sie betreut. "Ich lasse mich auf sie ein." Denn längst nicht jede Erinnerung sei verschüttet.

Neulich erst habe sie bei einer alten Dame unterhalten, die früher auf einem Ausflugsschiff kellnerte. Nach und nach entwickelte sich das Gespräch. "Wir haben so getan, als gäben wir eine Bestellung auf. Ein Bier für 1,80 Euro, ein Kinderbier... Da kam die Vergangenheit langsam zurück."

Solche Erlebnisse sind es, warum Helga Gassmann ihr neuer Beruf solche Freude macht. Natürlich würde sie auch manchmal angeschrien. Demenzkranke sind sehr direkt. "Aber ich komme jeden Tag fröhlich von der Arbeit nach Hause."

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