Unser Europa: Hildener pflegen jahrzehntelange Freundschaft nach Polen

Hilden : Freundschaft wächst trotz Grenzen

Seit Jahrzehnten ist das Hildener Ehepaar Stötzel gut mit dem Land Polen verbunden.

Die guten Beziehungen, die das Ehepaar Marianne und Georg Stötzel nach Polen haben, sind nicht nur über Jahrzehnte gewachsen, sondern darüber hinaus eine lange Geschichte von Freundschaft über Grenzen hinweg. Sie beginnt in Ostdeutschland, genauer im Ort Delitzsch nahe Halle, in dem Marianne aufwuchs. „Eines Tages klingelte es an der Haustür und eine Frau suchte für ihre 14-jährige Tochter Angela eine Stelle für das damals vorgeschriebene Pflichtjahr“, erinnert sie sich. Angela kam aus dem damals deutschen Groß Rauden bei Gleiwitz in Oberschlesien. Mariannes Mutter, Lisel Schümer, stellte sie als Kindermädchen für ihre zwei kleinen Kinder ein.

Keiner ahnte, dass die Schümers wenige Jahre später aus der Ostzone nach Westdeutschland fliehen würden und Angela 1946 nach Polen zurückkehren musste. Die familiäre Verbindung überwand anschließend 30 Jahre lang den eisernen Vorhang – per Post. „Meine Mutter packte Pakete und schrieb Zollinhaltserklärungen auf Russisch, um Angelas Familie zu unterstützen“, erzählt Marianne. Angela hatte 1948 ihren Josef Wyschot geheiratet. Marianne 1960 Georg Stötzel.

Ost-West-Reisen wurden
für Familien zur Tradition

Während im Westen wachsender Wohlstand und akademische Laufbahnen vorgezeichnet waren (Marianne Stötzel war über 36 Jahre Deutschlehrerin am Helmholtz-Gymnasium und Georg Stötzel bis 2001 Professor für Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität), lebte Angela im Sozialismus und Josef wurde aus gesundheitlichen Gründen zum Frührentner. Nur deshalb durften er und seine Frau als deutschstämmige Polen 1978 zum ersten Mal nach Hilden reisen. Stötzels altes Fotoalbum zeigt beide leicht verlegen auf dem Sofa. Fortan wurden die Ost-West-Reisen der Familien Tradition. Jedes Jahr kamen Josef und seine Frau für mehrere Monate an die Itter. Anfangs per Bahn. „Wir haben sie dann mit Gebrauchtkleidung im Gepäck nach Duisburg gefahren. Der Zug ging von dort durch bis Krakau.“ Später reisten die polnischen Gäste mit einem Fiat 500 an. Die Familien halfen sich untereinander gegenseitig und packten mit an, wenn Not am Mann war. Georg Stötzel freut sich noch heute über die Hilfe beim Terrassen-Bau. Und Marianne wird die Unterstützung bei der Pflege ihrer Mutter nicht vergessen, die Erika, eine von Angelas zwei Töchtern, übernahm.

Als wiederum deren Tochter Justyna mit ihrem kleinen Sohn das osteuropäische Land aus persönlichen Gründen verlassen will, hilft ihr das Ehepaar Stötzel, hier eine neue Existenz aufzubauen. Da geht es um viel Bürokratie, Anerkennung von Zeugnissen, Wohnungs- und Arbeitsssuche. Georg Stötzel klopft bei vielen Freunden an, um der jungen Frau bei der Integration zu helfen.

Auch die jüngere Schwester zieht mit ihrem Freund aus Polen nach Hilden und bekommt viel Unterstützung vor Ort. Nicht nur in Sachen Deutschunterricht. Als Lehrerin fuhr Marianne Stötzel in den 90er Jahren mit einer ersten Gruppe des Helmholtz-Gymnasiums zum Schüleraustausch mit dem Goethe-Gymnasium Warschau.

Familienzusammenhalt wird
in Polen groß geschrieben

Ihr Mann arbeitete nach der Wende für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) daran, dass nicht nur Deutsch als Fremdsprache sondern auch Kostenrechnung in den Wirtschaftswissenschaften an Polens Universitäten gelehrt wurde.

Wenn man beide nach ihrer Meinung über polnische Menschen fragt, sind sie sich einig: „Man spürt, dass sie nicht aus einer satten Gesellschaft stammen.“ Die östlichen Nachbarn seien äußerst bestrebt, in relativ kurzer Zeit „etwas aus sich zu machen.“ Außerdem setzten sie auf Familienzusammenhalt und seien besonders kulturbeflissen. „Unsere Freunde haben sich vor dem Auto erst einmal ein Klavier gekauft.“

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