Stammesfrauen im Rathaus

Der Bürgermeister wehrt sich nur kurzzeitig. Dann übernehmen die Frauen das Rathaus. In Gruiten haben die „Altweiber“ den Pfarrsaal besetzt.

Haan/Gruiten. Sie sind pünktlich. Auch im närrischen 22. Jahr. Und dieses Altweiber sehen sie besonders schön und originell aus, die Rathausstürmerinnen aus Leidenschaft. „Wir sind Stammesfrauen“, sagt Silvia Simovic und zeigt in die Runde der farbenfroh und aufwendig gekleideten und geschminkten Runde. Mit dunkelbraunem Make-up, jeder Menge Goldschmuck, bunten Trachtenkleidern und passendem Kopfschmuck haben sie das Verkleidungsziel voll erreicht.

„Während der Haaner Kirmes legen wir unser Motto fest“, sagt Moni Ihlefeld. Sie hat im Internet afrikanische Bettwäsche ersteigert. „Das ist ein Kopfkissenbezug“, sagt sie, lacht und zeigt auf ihr Kopftuch. Aus dem Bettbezug hat sie ein Kleid gemacht.

Der Rathaussturm verläuft ohne nennenswerte Vorkommnisse. Bützend und mit dem obligatorischen Butzelmann ziehen die Frauen in den Sitzungssaal. Sekt und Bier sind kalt, die Musik laut, da fällt das Schunkeln nicht schwer. Die Bürgermeister Knut vom Bovert und Ute Wollmann erhalten Unterstützung von Tobias Kaimer, der den stellvertretenden Bürgermeister Klaus Mentrop vertritt. Als Zirkusdirektoren begrüßen sie das närrischen Volk, das sich noch zurückhaltend gibt. Gegrüßt von Hoppeditz und Kinderprinzenpaar warten sie auf eine günstige Gelegenheit, dem Bürgermeister den Rathausschlüssel aus der Tasche zu ziehen.

„Wir sitzen hier öfters einem kleinen Zirkus vor“, begründet vom Bovert seine bunte Kostümierung. Allerdings sei die finanzielle Not im Rathaus derzeit so groß, dass der Frack zur Hälfte aus Lumpen besteht. „Die Presse bekommt die schöne Seite zu sehen, der Bürger die andere Seite, damit er direkt weiß, was los ist“, sagt das (Noch-)Stadtoberhaupt. Denn noch während es zu den Frauen spricht, macht sich eine von ihnen an seiner Hosentasche zu schaffen. „Diese schwarze Lady hat es geschafft, dem Bürgermeister etwas aus der Hose zu ziehen“, muss er eingestehen, und Silvia Simovic hält triumphierend den Schlüssel in Höhe.

Stimmungsvoll geht es auch sechs Kilometer entfernt zu. Jecke Weiber haben den Pfarrsaal besetzt, schunkeln, tanzen und lachen. Neun Frauen haben seit Oktober ein bis in den Nachmittag dauerndes Programm einstudiert und begeistern damit die gut 140 Gäste, unter die sich am Nachmittag auch der Bürgermeister mischt. Der muss sich sein Essen verdienen, an einer Modenschau teilnehmen und sich von Moderatorin Frauke Heiden-Ziegert zur Einkaufssituation in der Stadt befragen lassen. „Mich würde auch mal persönlich interessieren, ob die Angestellten im Haaner Rathaus mit gutem Beispiel vorangehen und hier einkaufen“, regt sie ihn zu einer Umfrage an.

„Die Vorträge sind toll, die Stimmung ist super, und auch die Musik gefällt uns“, schwärmen vier Kegelschwestern aus Haan: Brigitte Hendrichs, Irmgard Salomon, Maria Schlesinger und Christa Tillmeier. „Das ist heute unser Tag“, sagen sie und hoffen jetzt schon, dass der Pfarrkarmeval im kommenden Jahr wieder stattfindet.

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