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Sozialwohnungen werden in Hilden zur bedrohten Art

Hilden : Sozialwohnungen drohen „auszusterben“

In Hilden gibt es aktuell noch 1094 öffentlich geförderte Wohnungen. Zum Vergleich: 2002 wurden noch 2911 gezählt. Das ist ein Schwund von rund 62 Prozent in 18 Jahren. Auch die Zahl der ausgestellten Wohnberechtigungsscheine geht deutlich zurück: von 361 in 2018 auf 277 in 2020. Das eine hat wohl mit dem anderen zu tun.

Wer eine Sozialwohnung will, braucht dafür einen Wohnberechtigungsschein. Er ist an Einkommensgrenzen gebunden, die alle drei Jahre automatisch an den Verbraucherpreisindex angepasst werden, zuletzt 2019. Aktuell darf ein Single ein Jahreseinkommen von 19 350 Euro haben, Zwei-Personen-Haushalte 23 310 Euro. Für jedes zum Haushalt gehörende Kind gibt es eine Zuschlag von 700 Euro. Die nächste Anpassung der Einkommensgrenzen erfolgt zum 1. Januar 2022.

Im vergangenen Jahr hat das Sozialamt 277 Wohnberechtigungsscheine ausgegeben. Die Zahl ist seit drei Jahren rückläufig: 2018 wurde noch 361 Wohnberechtigungsscheine erteilt, 2019 waren es 344.

Das hat wohl damit zu tun, dass ein Wohnberechtigungsschein zwar berechtigt, eine Sozialwohnung zu mieten. Er bedeutet aber nicht, dass man tatsächlich auch eine öffentliche geförderte Wohnung bekommt. 2020 suchten 223 Parteien in Hilden eine Sozialwohnung, aber nur 29 Haushalten konnte eine öffentlich geförderte Wohnung vermittelt werden. 2019 suchten 251 Parteien eine Sozialwohnung, 58 konnten eine bekommen.

So etwas spricht sich natürlich herum. Die Chance, in der attraktiven und deshalb gefragten Wohn- und Einkaufsstadt Hilden eine öffentlich geförderte Wohnungen zu ergattern, kommt einem Lotterie-Gewinn gleich. Die Zahlen lassen sich so deuten, dass es deshalb weniger Anspruchsberechtigte überhaupt versuchen.

Hinzu kommt, dass sich ihre Chancen auf eine Sozialwohnung immer weiter verschlechtern. Denn deren Zahl wird sich in den kommenden zehn Jahren nahezu halbieren, zeigen Prognosen: von 1085 öffentlich geförderten Wohnungen (Bestand 2021) auf 612 im Jahr 2031.

Ludger Reffgen spricht von „erschreckender Bilanz“

Ludger Reffgen, Fraktionsvorsitzender der Bürgeraktion Hilden, sprach im Wohnungsbauförderungsausschuss von einer „erschreckenden Bilanz“: „Seit 25 Jahren rutscht der Soziale Wohnungsbau immer mehr ab. Wir betreiben eine Mangelverwaltung. Der Soziale Wohnungsbau wird systematisch vernachlässigt.“ Schweigen bei den anderen Fraktionen, nur die SPD meldet sich zu Wort. „Man braucht immer Mehrheiten im Stadtrat, um Sozialwohnungen zu bauen“, sagte stellvertretender Fraktionschef Dominik Stöter: „Wir müssen schauen, innovative Lösungen zu finden. Patentrezepte haben wir aber auch nicht.“

Der rapide Schwund an Sozialwohnungen ist kein Hildener Phänomen. Auch in anderen kreisangehörigen Städten sieht es nicht besser aus. Beispiel Monheim: Dort sinkt die Zahl der Sozialwohnungen von 660 (2018) auf 190 (2030). In Mettmann von 951 auf 400, in Haan von 1071 auf 780. Und selbst in Heiligenhaus von 522 auf 180.

Die Landesregierung hat viel Geld – 5,5 Milliarden Euro für die Jahre 2018 bis 2022 – in die Hand genommen, um den Bau von Sozialwohnungen zu fördern. Den Rückgang aufgehalten hat das nicht. Das liegt auch daran, dass viele Eigentümer ihre Fördermittel vorzeigt zurückzahlen. Das ist lukrativer, als Erspartes für Minizinsen auf die Bank zu legen.

Die vorzeitige Rückzahlung löst zwar in der Regel eine zehnjährige Nachwirkungsfrist aus, in der der Status „geförderte Mietwohnung“ erhalten bleibt. Das schreckt die Eigentümber aber offensichtlich nicht ab. Ende 2018 befanden sich im Kreis Mettmann 3933 Sozialwohnungen in der Nachwirkungsfrist, 215 mehr als ein Jahr zuvor. Dieser Anteil entspricht gut einem Viertel des gesamten geförderten Bestandes (15 104). An der Hofstraße 150 soll die städtische Wohnungsbaugesellschaft WGH öffentlich geförderte Wohnungen errichten – nicht nur entlang der Straße, sondern auch auf Hinterland. Ein Architekten-Entwurf sah bis zu 43 Wohnungen vor. CDU und SPD hatten mit ihrer Mehrheit die Aufstellung eines Bebauungsplans beschlossen. Jetzt beantragt die CDU, die Zahl der Wohnungen zu reduzieren und das Grundstück nicht maximal auszunutzen. Dafür gibt es wohl eine Mehrheit im Stadtrat.

Und auch die Verwaltung hat ihre Meinung zu dem umstrittenen Vorhaben geändert. Der neue Bürgermeister Claus Pommer (parteilos) spricht sich jetzt dafür aus, nur entlang der Hofstraße zu bauen und das Hintergelände frei zu lassen. Darüber berät der Stadtentwicklungsausschuss erstmals am 5. Mai ab 17 Uhr in der Helmholtz-Aula.