Plötzlich ist die Wohnung dunkel

Ein Neubau auf der Schwanenstraße versperrt Karl-Heinz Schlauß in seinem Wohnzimmer den Blick. Die neue Hauswand steht 40 Zentimeter vor seinem Fenster.

Hilden. Als Karl-Heinz Schlauß vor 15 Jahren seine 46-Quadratmeter-Wohnung im Fachwerkhaus „Zum Schwan“ bezog, war er glücklich: „Eine Wohnung im Zentrum, zu vernünftigen Konditionen und mit einem hellen Wohnzimmer — das hat mir gut gefallen“, erinnert er sich.

Die Freude hielt bis vor wenigen Wochen an. Da wurde es auf einmal deutlich dunkler in der Wohnung. Ein Blick nach draußen brachte die erstaunliche Erkenntnis: „Die bauen mir meine Lichtquelle zu.“ An der Schwanenstraße wird zurzeit ein neues Wohnhaus gebaut, und das rückt an der Giebelseite bis auf 40 Zentimeter an das alte Fachwerkhaus heran.

Die Glasbausteine, die bisher quasi als zusätzliches Fenster für ein ganz besonderes Licht in Schlauß’ guter Stube gesorgt hatten, sind jetzt nutzlos: „Und da ich ansonsten nur noch zwei kleine Fenster in dem Zimmer habe, vor denen auch noch ein Baum steht, ist es bei mir Zuhause jetzt den ganzen Tag duster“, sagt der Hildener.

Bisher gab es nur den Anbau der ehemaligen Bäckerei Look, der die im ersten Stock des Nachbarhauses befindlichen Fenster nicht tangierte. Jetzt bekommt der Ersatzbau aber auch im hinteren Bereich durchgehend eine zweite Etage. Die Außenmauer wird vor die Glasbausteine von Karl-Heinz Schlauß gesetzt.

Ludger Reffken, Wählervereinigung „Bürgeraktion“

Auch Nachbarn fiel die skurrile Situation unangenehm auf. Christine Schwab ist eine von ihnen. Sie kann nicht nachvollziehen, „warum den Leuten plötzlich das Licht genommen wird“. Die Hildenerin wollte es genau wissen und besuchte die Bürgersprechstunde von Stadtchefin Birgit Alkenings (SPD). Sie kam wütend aus dem Rathaus zurück: „Die Bürgermeisterin begegnete mir auf dem Gang und erklärte gut gelaunt, ihr Stellvertreter übernehme an diesem Tag die Sprechstunde“, erinnert sich Christine Schwab. Der habe nur gesagt, ihm sei das Ganze nicht bekannt und er könne nichts machen.

Die Hildenerin wandte sich an die Wählervereinigung „Bürgeraktion“. Und die erinnerte sich: „Vor einem Jahr ist auf der gleichen Baustelle trotz Auflagen der Bauaufsicht die zu erhaltende Fassade abgebrochen worden.“ Fraktionsvorsitzender Ludger Reffgen möchte nun von der Bauverwaltung wissen, ob diese Ausführung des Bauvorhabens genehmigt ist, und wenn ja, wie eine derartige Genehmigung zustande kommt? Außerdem interessiert ihn: „Ist die Verletzung von jeglichem Abstandsgebot mit dem Denkmalschutz vereinbar?“

Immerhin sei vor Jahren das historische Haus „Zum Schwan“ beim Bau der Berliner Straße gerettet und als schutzwürdiges Denkmal an seinem jetzigen Standort neu aufgebaut worden: „Bestimmt nicht, damit ihm später ein vierteiliges Fenster vermauert wird.“

Vom Architekten des neuen Bauprojekts an der Schwanenstraße war zu erfahren, man habe sich in allen Punkten an die von der Stadt erteilte Baugenehmigung gehalten. Der Neubau stehe auf der Grenze des Grundstücks — und so sei es auch für das Fachwerkgebäude „Zum Schwan“ gedacht gewesen. Die Stadt Hilden habe — aus welchen Gründen auch immer — aber 40 Zentimeter Abstand gehalten.

Die Bauverwaltung sagte auf Anfrage zu, in den Akten Nachforschungen anzustellen. Auf die ursprünglichen Baugenehmigungen könne man dabei leider nicht mehr zurückgreifen — denn die seien bei einem Brand 1968 vernichtet worden. Der Abstand zwischen den beiden Häusern lasse sich allerdings immerhin dadurch erklären, dass das Dach des Fachwerkhauses etwa 50 Zentimeter Überhang aufweise: „Das Gebäude steht also quasi doch auf der Grenze.“

Karl-Heinz Schlauß kann sich dafür allerdings nichts kaufen — er hat inzwischen Kontakt mit einem Rechtsanwalt aufgenommen. Die dauerhafte Verdunkelung seines einst hellen Wohnzimmers will er sich nicht so ohne weiteres gefallen lassen.