Unwetter in Hilden : „Es übertrifft die Prognosen“

Die Itter und ihre Nebenbäche haben HIlden am 14. Juli überflutet. Das letzte große Hochwasser war vor 60 Jahren. Die Flut war nicht zu verhindern, sagen BRW und Feuerwehr. Was tut die Stadt eigentlich für den Schutz vor Starkregen? Wir haben nachgefragt.

Das Hochwasser der Itter sei kein lokales, sondern ein flächendeckendes Starkregenereignis gewesen. Sowohl die Itter als auch ihr gesamtes Einzugsgebiet, also auch alle ihre Nebengewässer, seien von dem Starkregenereignis betroffen gewesen, sagt der Bergisch-Rheinische Wasserverband mit Sitz in Haan: Deshalb hätte das Itter-Hochwasser nicht verhindert werden können.

Die Hochwasserrückhaltebecken am Oberlauf der Itter seien alle voll gewesen. Um Dammbrüche und eine unkontrollierte, plötzliche Flutwelle zu vermieden, sei ein Teil des ankommenden Wassers, der über dem möglichen Höchststand eintraf, zum Schutz der Anlagen kontrolliert abgeführt worden. Auch das ließ letzlich die Itter, Hoxbach, Sandbach und Garather Mühlenbach in Hilden über die Ufer treten. „Die Wassermassen, mit denen wir es hier zu tun haben, übertreffen sogar die Prognosen für ein Jahrtausendhochwasser“, sagt Kreisbrandmeister Torsten Schams.

Bei den dichtbesiedelsten Städten liegt Hilden auf Platz 35

Die Ereignisse haben uns gelehrt: Jahrhundert- oder Jahrtausend-Hochwasser halten sich nicht an Prognosen, sondern geschehen inzwischen schon nach 60 Jahren wie die Itter-Flut zeigt oder gar noch früher. Unter den 100 am dichtesten besiedelten Städten Deutschlands steht Hilden auf Platz 35 – und das macht Hilden für Starkregen besonders anfällig. Hier leben 2149 Einwohner pro Quadratkilometer. Von den 2595 Hektar Gesamtfläche werden 512 für Wohnbau genutzt, 280 für Industrie und Gewerbe, 160 für Sport, Freizeit und Erholung, 328 für Verkehr, 1051 für Vegetation und 47 für Gewässer.

Die Stadt hat einen Generalentwässungsplan aufgestellt. Er musste von der Bezirksregierung Düsseldorf genehmigt werden. Dort steht auch, welche Wassermassen Hilden einleiten kann und einleiten darf. Wenn Regenwasserkanäle erneuert werden, wird der Durchmesser vergrößert, erläutert Dieter Drieschner, Fachbereichsleiter Stadtentwässerung: „Etwa in der Straße Am Feuerwehrhaus von 250 auf 1000 Millimeter Durchmesser.“ Problem: Das ist nicht überall möglich: „Wir brauchen eine Überdeckung von Minimum 50 Zentimeter.“

Wo möglich, werden Staukanäle unter den Straßen eingebaut (etwa unter der Elberfelder Straße), um Flutwellen zu bremsen und die Gewässer zu entlasten. Oder offene Regenrückhaltebecken gebaut: etwa am Bruchhauser Weg/Oerkhausgraben, An den Gölden. Am Westring soll ein bestehendes Becken (11 000 Kubikmeter) um ein zweites erweitert werden (25 000 Kubikmeter). Die Planung ist aufwendig und dauert. Am Westring soll 2023/24 gebaut werden. Das Kanalnetz ist in einem guten Zustand, betont Drieschner. Es wird regelmäßig kontrolliert. Für den Unterhalt und Ausbau gibt die Stadt viel Geld aus. Bis 2023 rund 23 Millionen Euro und in den Jahren danach weitere 20 Millionen Euro. Finanziert mit den Abwassergebühren der Bürger.

Und dennoch: Das Fassungsvermögen sei praktisch erschöpft. Drieschner: „Für mehr haben wir keinen Platz, weder im Kanal noch in der Fläche.“

Deshalb würden seit einigen Jahren Neubauten nur noch genehmigt, wenn das Regenwasser auf dem Grundstück versickert werde: „Wer neu baut, darf kein Regenwasser mehr in den Kanal einleiten.“ Grünanlagen werden zu Rückhaltebecken auf Zeit: Dazu zählen auch die Spielplätze am Topsweg und am Eichelkamp. „Die Überschwemmung dort ist nicht schön, richtet aber weniger Schaden an, als wenn Keller volllaufen.“

BUND Hilden kritisierte schon
früh Bebauung an der Itter

Gewässerausbau, Versiegelung, Klimakrise: Die Ursachen für Hochwasser sind bekannt. „Wenn Menschen siedeln, wo Wasser hingehört, dann stellt sich die Frage, wer an der falschen Stelle ist, der Mensch oder das Hochwasser“: Das sagte Dietmar Schitthelm, Experte vom BRW, schon 2003, als die Kreisgruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz über die Ursachen von Hochwasser. Solche Beispiele gibt es auch in Hilden. Zwischen Schwanenstraße und Schwanenplatz wurden vor einigen Jahren 16 hochwertige Eigentumswohnungen in fünf Gebäuden errichtet: Minimaler Abstand zur Itter: rund fünf Meter. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Hilden kritisierte damals schon, die geplante Bebauung liege zu dicht an der Itter. Beim Itter-Hochwasser am 14. Juli wurde die Tiefgarage geflutet. Der Stadtrat hatte den Bau mit Mehrheit genehmigt. Die Häuser liegen im Überflutungsgebiet der Itter. Das hat die Bezirksregierung Düsseldorf ausgewiesen — und den Bau der Häuser so nah am Fluß nicht beanstandet.

Die Stadt hat eine Übersicht in Auftrag gegeben. Sie zeigt genau, welche Gebiete in Hilden wie stark durch Überflutung gefährdet sind. Die Untersuchung soll in Kürze online gestellt werden.