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Hildener Bäckereichef spricht über Corona-Krise und Mehl-Versorgung

Haan/Hilden : Schüren: „Nur ganz wenige Kunden verlieren die Geduld“

Interview Bäcker Roland Schüren sieht die Versorgungslage aktuell nicht gefährdet.

Mehl ist nach Klopapier offenbar der Deutschen liebstes Hamster-Objekt: Vor allem Weizenmehl muss gefühlt – blickt man sich in den leeren Supermarkt-Regalen um – tonnenweise in den privaten Haushalten lagern. Was macht in diesen Zeiten ein Unternehmen, das tagtäglich mit diesem begehrten Rohstoff arbeitet? Roland Schüren, Inhaber der gleichnamigen Bäckerei, gibt Antworten.

Haben Sie noch genug Mehl zum Backen in ­Ihrer Backstube?

Roland Schüren: Auf jeden Fall. Wir arbeiten mit regionalen Landwirten zusammen, bei denen wir ganz normal bestellen und alles bekommen, was wir haben wollen. Das klappt dank unserer langjährigen Geschäftsbeziehung sehr gut. In früheren Jahren schon haben wir gemeinsam zum Beispiel bei schlechten Ernten „geübt“, wie wir über die Runden kommen.

Geben Sie von Ihrem „­Reichtum“ auf Wunsch ­etwas ab?

Schüren: Natürlich, wir bieten in unseren Bäckereien auch Weizen- und Dinkelmehl an, das läuft tatsächlich extrem gut. Die Menschen haben aktuell scheinbar viel Zeit, selber zu backen.

Was halten Sie von den Hamsterkäufen?

Schüren: Ich finde Hamsterkäufe total übertrieben: Das wird in einer riesigen Lebensmittelverschwendung enden, weil die Sachen in diesen Massen niemand essen kann oder will. Die Versorgungslage der Menschen in Corona-Zeiten ist ja nicht wirklich gefährdet. Die vergangenen Hitzesommer und der Klimawandel sind viel gefährlicher. Im vorletzten Jahr beispielsweise haben wir durch die schlechte Getreideernte ganz intensiv an unseren Rezepten gearbeitet, damit die Qualität unserer Backwaren weiterhin stimmt.

Wie hat sich Ihr Geschäft in den vergangenen Wochen entwickelt?

Schüren: Bis zum 17. März gab es massive Hamsterkäufe. Ab dann mussten unsere Cafés schließen, was unseren Umsatz einbrechen ließ. Die Kontaktsperre gibt es seit 24. März. Seither haben wir auch in den Geschäften einen drastischen Minderverkauf. Die Menschen essen ihre Hamsterbestände zum Teil auf, und weil sie weniger vor die Tür gehen, nehmen sie offenbar vor allem haltbare Backwaren.

Als Bäckerei können Sie Ihre Geschäfte weiterhin öffnen. Wie läuft es dort?

Schüren: Je nach Ladengröße dürfen nur zwei bis sechs Kunden gleichzeitig rein. Wir haben auf dem Boden Abstandslinien gezogen. Das verstehen viele, aber nicht jeder sofort. Es bilden sich lange Schlangen, und die Bedienzeit verlängert sich, weil die Menschen oft nicht aneinander vorbeigehen. Deswegen kriegen wir die Verkaufs-PS im Moment nicht so recht auf den Boden.

Wie geht es Ihren ­Verkäufern und den ­Kunden damit?

Schüren: Die Menschen machen trotz allem super mit, und nur ganz wenige verlieren die Geduld. Manchmal ist das Ganze auch lustig anzusehen: Es sieht aus wie ein paralleles Tanzballett, wenn die Kunden gleichzeitig einen großen Ausfallschritt machen, um Brot oder Geld über den Tresen entgegenzunehmen und gleichzeitig die Abstandsregeln einzuhalten.

Und wie geht es Ihrem ­Unternehmen wirtschaftlich in der Corona-Krise?

Schüren: Wir haben mittlerweile Kurzarbeit. Das ist ein supertolles Instrument, um alle Arbeitsplätze zu erhalten. Wenn es in ein paar Wochen wieder losgeht, sind alle noch an Bord. Unser Unternehmen stockt das Kurzarbeitergeld freiwillig auf 80 Prozent auf, die Mitarbeiter wechseln sich bei der Arbeit ab.

Wie sieht das praktisch aus?

Schüren: Wir haben die Backstube in zwei Teams aufgeteilt, die sich nicht sehen und nicht berühren. Die Öffnungszeiten in unseren Bäckereien sind verkürzt: Das gibt mehr Sicherheit, weil weniger Personal gleichzeitig arbeitet. Die anderen können in der Zeit Überstunden abbauen. Außerdem haben wir eine Jobrotation eingeführt: Mitarbeiter aus dem Verkauf werden zu Backstubenhelfern, Fahrern oder Mehlabpackern. Die Backstubenhelfer waschen und schneiden Erdbeeren. Alle sind super flexibel und ziehen an einem Strang.

Welche Erfahrungen machen Sie persönlich mit der Pandemie?

Schüren: Ich spüre, wie jetzt alle merken, dass es ums Ganze geht. Wir sind in Deutschland Teamplayer, eine Turniermannschaft. Das zeichnet uns aus. Der Zusammenhalt ist toll. Ich hoffe, dass wir einige Erfahrungen aus der Krise mit in die Zeit danach hinüberretten können.