Erinnerungskultur in Hilden Drei Stolpersteine vereinen Mutter und zwei Söhne

Hilden · Vor 20 Jahren entschied der Stadtrat, in Hilden Stolpersteine zu verlegen. Sie erinnern an die Menschen, die einst Opfer der Nationalsozialisten wurden. Die beiden neuesten Plaketten finden sich jetzt am Fritz-Gressard-Platz. Sie erzählen eine besondere Familiengeschichte.

Drei Stolpersteine, die an die Familie Kaufmann erinnern sollen, befinden sich seit dem 4. April im Pflaster des Fritz-Gressard-Platzes.

Drei Stolpersteine, die an die Familie Kaufmann erinnern sollen, befinden sich seit dem 4. April im Pflaster des Fritz-Gressard-Platzes.

Foto: Köhlen, Stephan (teph)

Auch in Hilden sind die Jahre 1933 bis 1945 ein dunkles Kapitel. So starben in der Reichspogromnacht im November 1938 sieben Einwohner der Stadt. Der Hass der Nationalsozialisten konzentrierte sich auf die jüdischen Mitbürger. An diese Zeit erinnern die Stolpersteine, die sich über das Gebiet von Hilden verteilen.

Zwei weitere Stolpersteine befinden sich nun im Pflaster des Fritz-Gressard-Platzes. Die Brüder Carl Kaufmann und Werner Kaufmann flohen einst von Hilden über die Niederlande in die Vereinigten Staaten. Zwischen diesen beiden Steinen befindet sich der ihrer Mutter: Erna Kaufmann wurde 1943 deportiert. Sie starb am 23. Mai desselben Jahres im Vernichtungslager Sobibor/Polen. An das Schicksal dieser Familie erinnerte Bürgermeister Claus Pommer im Beisein von Joel Kaufmann, der mit seiner Ehefrau aus den USA nach Hilden gekommen war, um der Zeremonie am 4. April beizuwohnen.

Familie Kaufmann führte einst eine Kaffeerösterei

Pommer beschrieb den Leidensweg dieser jüdischen Familie, die lange ein anerkannter Teil der Stadtgesellschaft gewesen war. Jonas Kaufmann führte einst eine Kaffeerösterei an der Mittelstraße 7-9. Daran erinnern seine Initialen in der Fassade des Hauses. Er war zudem Ratsherr und stiftete im 1900 eine silberne Ratsglocke für das neue Rathaus.

1924, also exakt vor 100 Jahren, nahm das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte seinen Anfang: Adolf Hitler war zu Festungshaft in Landsberg verurteilt worden und begann mit dem Verfassen seiner Programmschrift „Mein Kampf“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit rettete die Lektüre dieses Buches den Kaufmann-Brüdern das Leben. Darauf verwies Pommer in seiner Rede: „Nachdem Carl das Buch entgegen aller Ratschläge gekauft und gelesen hatte, musste er feststellen, dass alles, was zu Beginn des Buches geschrieben worden war, bereits Realität geworden war.“ Klar formuliert sei diese Botschaft gewesen: Die Juden seien auszurotten.

Die Brüder zogen die Konsequenzen und verließen ihre Heimat. Erna Kaufmann blieb zunächst in Hilden. Das Haus Hagdorn, Eigentum der Familie, ging im Dezember 1938 per Ratsbeschluss an die Stadt. Einen Monat später floh Erna Kaufmann zu ihrem Bruder nach Amsterdam. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Niederlande im Jahr 1940 scheiterte eine Flucht in Richtung Übersee. Etwas später wurde sie aufgegriffen.

Pommer warnte davor, Demokratie als selbstverständlich zu betrachten. Sie werde überall dort angegriffen, wo Ausgrenzung das Wort geredet wird. Es brauche Zivilcourage, um einer solchen Entwicklung Einhalt zu gebieten. Mit der Zusammenlegung der drei Stolpersteine „möchten wir ein Stück dazu beitragen, dass die Menschen und die damit verbundenen Schicksale nicht vergessen werden“, schloss der Bürgermeister.

Der Sohn von Carl Kaufmann nahm an der Zeremonie teil

Der Rede, die auf Deutsch und Englisch gehalten wurde, lauschte auch Joel Kaufmann, Sohn von Carl Kaufmann, der in den USA ein Großhandelsgeschäft aufbaute und 1989 im Alter von 80 Jahren in Santa Rosa verstarb. Zum ersten Mal seit 1938 befinde sich sein Vater wieder neben seiner Großmutter, merkte er mit Blick auf die drei Stolpersteine an. Er würdigte die vom Kölner Künstler Gunter Demnig angestoßene internationale Initiative, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus mit Stolpersteinen zu bewahren, der sich die Stadt Hilden vor 20 Jahren angeschlossen hatte. Eine solche Kultur würde seiner Heimat vielleicht auch guttun, betonte er mit Blick auf die Sklaverei und Internierung von US-Amerikanern japanischer Herkunft während des Zweiten Weltkrieges. Seine Botschaft: Möge die Welt dank der Stolpersteine ein klein wenig freundlicher werden.

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