Ralf Siepmann veröffentlicht Roman „Blutwappen“ Wenn Geschichte zu einem Kriminalfall wird

Hilden · Sein zeitgeschichtlicher Kriminalroman spannt den Bogen von der NS-Zeit bis in die Sechzigerjahre: Mit dem „Blutwappen“ reist Ralf Siepmann auch in die eigene Jugend zurück. Was den Autor aus Hilden dazu bewogen hat.

Ein Jahr lang recherchierte Ralf Siepmann für sein Buch auch an Orten seiner Jugend.

Ein Jahr lang recherchierte Ralf Siepmann für sein Buch auch an Orten seiner Jugend.

Foto: Köhlen, Stephan (teph)

Eine wirkliche Aufarbeitung hat zu keiner Zeit stattgefunden: Ohne die Nationalsozialisten und ihre Millionen Mitläufer wäre in der jungen Bundesrepublik vielleicht kein Staat zu machen gewesen. Es gab Politiker und Beamte mit NS-Vergangenheit, und es gab Industrielle, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Reichtum mehrten. Und es gab die Wut der Jüngeren auf die schweigenden Generationen der Eltern und Großeltern, die in den Sechzigerjahren in studentische Unruhen gipfelte. Hängengeblieben ist aus dieser Zeit eine Botschaft: Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren!

„Eine Klassenkameradin war vor Gericht in Hamburg, weil sie gegen den braunen Muff protestiert hatte“, erinnert sich Ralf Siepmann. Sein Kriminalroman „Blutwappen“ springt zurück in diese Zeit. Nicht an die Universität in Hamburg, an deren Fassade das Banner mit der Anklage an die Älteren ausgerollt wurde, sondern zunächst ins vermeintlich beschauliche Westfalen: Auf dem Kirchplatz in Wiedenbrück wird 1965 ein grausam zugerichtetes Opfer aufgefunden. Es ist der erste Mord seit 20 Jahren in der Stadt, vermutet Hauptkommissar Josef Brockentrup, als er die Ermittlungen aufnimmt. Bald darauf wird in Wien ein ähnlich zugerichtetes Opfer aufgefunden, und allmählich erkennt die Polizei, dass es sich bei den Toten um Täter aus der NS-Zeit handeln muss.

Im Laufe der Ermittlungen rückt das Kriegsgefangenenlager Stalag 326 in der Senne immer stärker in den Fokus und damit die Frage, wer in den Jahren bis 1945 von dem System der Zwangsarbeit profitiert hat. Siepmann beschreibt diesen Ort bei Schloß Holte-Stukenbrock als bedrückend. Bis zu 70 000 Menschen könnten, so die Schätzungen der Historiker, hier den qualvollen Tod gefunden haben. Der Autor spricht von hundestallähnlichen Baracken. „An den Wänden hängen Fotos, Briefe, Notizen“, beschreibt Siepmann die Gedenkstätte. Es seien Zeugnisse, „die eine Sogwirkung entwickeln“.

Buch greift historische Begebenheiten auf

Mögen Personen und Handlung frei erfunden sein, so greift das Buch historische Geschehnisse auf. Detailreiche Schilderungen von Orten der Sechziger lassen erkennen, dass der Autor ein Kind dieser Zeit und Region ist. Ralf Siepmann wurde 1945 in Neustrelitz geboren, wuchs in Rietberg auf, wenige Kilometer östlich gelegen von Wiedenbrück. Der Stadt, die in „Blutwappen“ zum Tatort wird und in der Siepmann sein Abitur machte. Biografische Bezüge seien vorhanden, bestätigt der Autor, der jetzt in Hilden lebt. Er selbst sei in jungen Jahren immer wieder auf „Akteure des Totschweigens“ getroffen. Es gab sie in der Schule, es gab sie in der Familie. Diese Erfahrung machten viele Kinder und Enkel der Tätergeneration. Siepmann: „Ich habe erst viel später begriffen, wie systematisch man uns daran gehindert hat, die Zeitgeschichte zu erkennen.“

Seit bald fünf Jahren lebt der mittlerweile 78-Jährige in der Itterstadt. Kinder und Enkel wohnen in Haan und Düsseldorf. Ein weiterer Vorteil, hier zu leben: „Hilden ist eine musikkulturelle Nabe“, sagt der Verfasser von Opernkritiken. Acht Opernhäuser und drei Konzertsäle liegen in einem engen Radius um seinen Wohnort.

Verdichtet der Kritiker das Konzerterlebnis auf wenige Dutzend Zeilen, gibt der Autor seiner Geschichte Raum auf fast 300 Seiten. Dass ihm das gelingt, mag kaum überraschen: Das Schreiben ist Siepmanns Metier seit Jahrzehnten. Er volontierte in einer Zeitungsredaktion im Ruhrgebiet, arbeitete ab den späten Siebzigerjahren im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Weitere Stationen waren der Deutschlandfunk und die Deutsche Welle.

Das „Blutwappen“, für das Siepmann ein Jahr lang auch an den Orten der Handlung lang recherchierte – „Ich bin unterwegs gewesen wie ein Reporter in eigener Sache.“ –, endet mit einer Ankündigung: „Wir werden Zeugen einer ganzen Mordserie. Was wir kennen, ist wahrscheinlich der Anfang. Was wir aber nicht kennen, ist das Ende.“ Klingt das vielleicht nach einer Fortsetzung? „Stellen Sie mir diese Frage vielleicht noch einmal in einem Jahr“, so Ralf Siepmann.

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