Haaner Gymnasiast in Berlin erfolgreich „Das Schönste an ,Jugend debattiert‘ ist die Gemeinschaft“

Interview | Haan · Benjamin Greipl aus Haan ist unter mehr als 200.000 Bewerbern als Bundessieger aus dem Wettbewerb „Jugend debattiert“ hervorgegangen. Die Jury attestierte dem Gymnasiasten „außergewöhnliche Gesprächsfähigkeit“.

Den Klang der Glocke, die bei „Jugend debattiert“ ans Einhalten der Redezeiten erinnert, hat Benjamin Greipl mittlerweile gut in den Ohren.

Den Klang der Glocke, die bei „Jugend debattiert“ ans Einhalten der Redezeiten erinnert, hat Benjamin Greipl mittlerweile gut in den Ohren.

Foto: Köhlen, Stephan (teph)

Benjamin Greipl aus Haan ist unter mehr als 200.000 Bewerbern als Bundessieger aus dem Wettbewerb „Jugend debattiert“ hervorgegangen. Die Jury attestierte dem Schüler der Jahrgangsstufe 11 des Städtischen Gymnasiums „außergewöhnliche Gesprächsfähigkeit“. Im Interview spricht er über seine Erlebnisse und erklärt, was „Jugend debattiert“ ausmacht.

Benjamin, beschreibe mal den Augenblick, als dir klar wurde, dass du „Jugend debattiert“ gewonnen hast.

Benjamin Greipl: Die Platzierungen wurden vom vierten bis zum ersten Platz vorgestellt. Nach dem Jury-Feedback hatte ich Zweifel, ob ich vorne lande. Nachdem der vierte und der dritte Platz verlesen worden waren, dachte ich schon: Jetzt könnte es was werden. Und als ich gehört habe, wer Zweiter geworden ist, hat sich bei mir das strahlende Grinsen breitgemacht…

Hat dich jemand nach Berlin begleitet? Welche Reaktionen hast du auf deinen Sieg bekommen?

Benjamin: Meine Eltern und mein Bruder waren dabei. Wenn man auf Bundesebene antritt, merkt man plötzlich, dass viele Leute mitfiebern. Ich habe als Reaktion ganz viel Überraschung erlebt. Bundessieger – das ist eigentlich völlig utopisch. An der Schule habe ich viel Anerkennung erfahren. So ist das auch gedacht: Wir „Jugend debattiert“-Teilnehmer sollen anderen Leuten das, was wir gelernt haben, weitergeben und als Multiplikatoren fungieren.

Wie war das Drumherum beim Wettbewerb?

Benjamin: Das Ganze hat inklusive von zwei „Vorrunden“ drei Tage gedauert. Das Finale hat im „Colosseum Berlin“ stattgefunden, einem ehemaligen Kino. Vor Ort waren etwa 400 Zuschauer, dazu viele im Livestream. Ein Staatssekretär aus dem Bildungsministerium und viele ehemalige Teilnehmer waren da. Es klingt vielleicht kitschig, aber es gibt so etwas wie eine „Jugend debattiert“-Familie.

Und du gehörst als Bundessieger jetzt zu dieser Familie.

Benjamin: Richtig, ich bin in den Alumni-Verein aufgenommen worden und habe darüber hinaus als Sieger das Privileg, im nächsten Jahr im Bundesfinale in der Jury dabei zu sein. Das habe ich auch vor; der Termin fällt genau in die Zeit nach meinem Abi.

In der Finalrunde habt ihr darüber debattiert, ob in Deutschland eine Wehrpflicht nach schwedischem Modell eingeführt werden sollte. Du musstest dafür argumentieren. Wann hast du gemerkt: Es läuft richtig gut?

Benjamin: In dem Moment, als es darum ging, ob wir durch eine Wehrpflicht mehr Personal kriegen und das unsere Verteidigungsfähigkeit schärft. Mein Ansatz war, den Begriff der Verteidigungsfähigkeit weiter zu fassen. Es geht ja nicht nur um Personal, sondern auch darum, im Verteidigungsfall – der hoffentlich nicht eintritt – die Strukturen zu haben, neue Soldaten zu rekrutieren.

Die Jury hat dir eine „außergewöhnliche Gesprächsfähigkeit“ bescheinigt. Was ist damit gemeint?

Benjamin: Das heißt, gut miteinander sprechen zu können – sich auszutauschen, aufeinander einzugehen und zusammen zu reden, statt sich selbst darzustellen. In einer Debatte ist es wichtig, als Gesamtheit gut zu harmonieren. Dafür muss man sozusagen von außen auf die Diskussion blicken, um Dinge einordnen und zusammenfassen zu können.

Als Vorbereitung auf den Bundeswettbewerb hast du mit den 31 anderen Landessiegern an einem Seminar teilgenommen.

Benjamin: Ja, auf der Burg Rothenfels in Franken. Dieses Seminar und die zwischenmenschlichen Erfahrungen waren für mich eigentlich das Tollste am Wettbewerb. Es hat fünf Tage gedauert und war sehr intensiv. Das hat es ermöglicht, mit den anderen Leuten stärker in Kontakt zu treten.

Wie beurteilst du den derzeitigen politischen und öffentlichen Diskurs vor dem Hintergrund dessen, was du bei „Jugend debattiert“ gelernt hast?

Benjamin: Ich habe das Gefühl, immer stärker wird der Gegenposition die Vertretbarkeit abgesprochen. Immer weniger wird die Meinung des anderen respektiert. Immer mehr wird persönlich angefeindet und abgewertet. Dadurch verliert man den Blick dafür, was Fragen sind, wo man unterschiedlicher Ansicht sein kann und was die Themen, über die man nicht diskutieren kann: zum Beispiel die Menschenwürde auch von Geflüchteten oder die Existenz des menschengemachten Klimawandels. Diese Entwicklung hängt stark mit den Sozialen Medien und damit zusammen, dass es Leute, Parteien, aber auch Medien gibt, die von empört geführten Auseinandersetzungen profitieren.

Wie erklärst du dir den hohen Zuspruch für populistische und radikale Positionen gerade auch bei jungen Menschen?

Benjamin: Ich würde weder ein rosarotes Bild zeichnen noch eine ganze Generation abschreiben. Ich denke, dass viele junge Menschen Zukunftsängste haben, die durch politische Akteure verschiedener Parteien geschürt werden. Parteien wie die AfD bietet ihnen scheinbar einfache Lösungen an, und Jugendliche sind anfällig dafür. Viele fühlen sich von den anderen Parteien nicht gehört. Aber: Gerade junge Menschen sind bereit, ihre Position auch wieder zu ändern.

Hast du schon Ideen, wie du deine Talente künftig einsetzen möchtest?

Benjamin: Das, was bei „Jugend debattiert“ trainiert wird, ist in vielen Bereichen hilfreich. Ich kann mir gut vorstellen, Medizin oder Jura zu studieren. Da ist es auf jeden Fall nützlich, ein Urteilsvermögen zu haben: Ist ein Problem vorhanden? Löst die Maßnahme das Problem? Gibt es bessere Maßnahmen?

Kannst du deine Debattierfähigkeit auch im privaten Bereich einsetzen?

Benjamin: Außerhalb des strikten Formats bei „Jugend debattiert“ lässt sich so eine Debatte nicht vollständig umsetzen. Einzelne Elemente sind aber wahnsinnig wichtig: ein respektvoller Umgang, aufeinander einzugehen und die Erkenntnis, dass bei vielen Fragen gute Gründe dafür und dagegen sprechen.

(tg)