Bluttat: „Ein Rätsel, wie so etwas passieren konnte“

Bluttat: „Ein Rätsel, wie so etwas passieren konnte“

Nach der Bluttat bei 3M helfen Seelsorger und der Betriebsrat den Mitarbeitern bei der Rückkehr zur Normalität.

Hilden. Der erste Schock über die Bluttat am vergangenen Freitag im Hildener 3M-Werk (WZ berichtete) an der Düsseldorfer Straße ist überwunden. Mitarbeiter, Geschäftsführung und Betriebsrat sind bemüht, wieder Normalität einziehen zu lassen. Die Spuren der Schießerei sind beseitigt, mit ihren Folgen werden die rund 100 Mitarbeiter, die zur Tatzeit vor Ort waren, aber noch einige Zeit zu kämpfen haben.

Helfen will ihnen dabei Jürgen Draht (56), Notfallseelsorger im Kreis Mettmann. Er war mit acht weiteren Seelsorgern am Tatabend im Werk an der Düsseldorfer Straße und betreut seither einige Mitarbeiter.

Wie lange seine Unterstützung noch gebraucht wird, kann er nicht sagen: „Die Dauer der Betreuung hängt vom persönlichen Erlebnisgrad ab.“ Zwei Wochen müsste er die Mitarbeiter wohl noch im Auge behalten. „Bei den Verletzten dauert es womöglich länger“, sagt er.

Für den Notfallseelsorger war es sein bisher größter Einsatz im Kreis Mettmann. Dass er bewältigt werden konnte, liegt nach seinen Worten auch daran, „dass viele Kollegen in Bereitschaft sind — und auch kommen“. Für sie alle gilt es nun, bei den Betroffenen die positive Seite des Erlebten zu stärken: Mir ist nichts passiert. Ich habe Glück gehabt. „Ihr Urvertrauen wurde erschüttert, das muss wieder hergestellt werden“, sagt Draht.

Gewalt, die von Menschen ausgeht, ist nach den Worten des Notfallseelsorgers „eine unheimliche, unverständliche Angelegenheit“. Wer einer solchen Bedrohung ausgesetzt ist, zeigt eine Schockreaktion: Die Knie zittern, Alpträume. „Das sind natürliche Reaktionen, die nach einiger Zeit wieder vorbei sind“, sagt Draht.

Die meisten Mitarbeiter möchten, dass wieder Normalität einkehrt. Ein Beleg für diese Aussage des Notfallseelsorgers ist, dass sich nach Angaben des Pressesprechers von 3M, Manfred Kremer, kein Kollege krankgemeldet habe. Die größte Sorge gelte deshalb jetzt vor allem den beiden schwer verletzten Mitarbeitern. Sie sind laut Kremer mittlerweile aus dem Koma erwacht und ansprechbar.

Aus ihren Aussagen verspricht sich die Polizei einen Hinweis auf das Motiv des Täters. „Die Suche danach geht weiter“, sagt Friedhelm Ladwig, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender im Hildener 3M-Werk.

Einen Abschiedsbrief gab es nicht. Dass der Täter gemobbt wurde, oder Probleme mit Kollegen hatte, glaubt er nicht. „Wir haben ein sehr gutes Betriebsklima und einen kameradschaftlichen Umgang miteinander“, sagt er.

Ladwig erzählt von einer „sehr großen Betroffenheit“ unter den Kollegen. „Es ist ein Rätsel, wie so etwas bei uns passieren konnte“, sagt er. Dass es Probleme zwischen dem Täter und den von ihm angeschossenen Kollegen gegeben haben könnte, ist dem stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden nicht bekannt. „Ich habe den Kollegen persönlich gekannt. Es gab keine Auffälligkeiten“, sagt Ladwig.

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